1. Einleitung – Gemeinschaft oder Individualismus
“Man hat oft gemeint, daß die Philosophie der Stoa grundsätzlich eine Philosophie der Selbstliebe sei […].Tatsächlich aber liegt der Grundton der Stoa vielmehr in der Liebe zum ganzen […] ”
Das Eingangszitat von Pierre Hadot zeigt eine zentrale Ambivalenz in Interpretationsansätzen der stoischen Philosophie: Steht der Einzelne oder vielmehr die Gemeinschaft im Zentrum der vernünftigen Handlung? Diese Frage stellt sich konkret in den Selbstbetrachtungen Marc Aurels, welche einen besonderen Fokus auf das Konzept der Gemeinschaft legen. Dementsprechend untersucht die folgende Arbeit das philosophische Spannungsfeld zwischen stoischer Indifferenz und Gemeinschaftsorientierung in den Selbstbetrachtungen. Bei diesen handelt es sich hierbei um sogenannte Hypomnēmata, also geistigen Übungen, die für den aphoristischen Stil des Werkes sorgen. Die folgende Analyse wird sich maßgeblich an Marcel van Ackerens ausführlicher Diskussion des Gemeinschaftsbegriffs Marc Aurels in seinem Werk “Die Philosophie des Marc Aurel” und dem von ihm herausgegebenen Sammelband “A Companion to Marcus Aurelius” orientieren. Diese Interpretationen wird im Folgenden fortwährend mit Pierre Hadots Monographie “Die Innere Burg” verglichen, welche Marc Aurel als Systemiker mit großen Ähnlichkeiten zu Epiktet darstellt. Zu Beginn der Arbeit wird sich zeigen, dass metaphysische Überlegungen der Schrift eng mit Marc Aurels Handlungsethik verbunden sind. Dementsprechend wird zuerst die gemeinschaftsorientierte Natur des Menschen und die Rolle der kosmischen Polis als einzige politische Gemeinschaft analysiert. Danach wird die Bedeutung von menschlichen politischen und sozialen Gemeinschaften innerhalb der kosmischen Polis ausgearbeitet. Im Anschluss erfolgt eine Bestimmung der Freiheit und Angemessenheit der Handlungen. Hierbei wird ein besonderer Fokus auf die Indifferenz gegenüber äußeren Dingen gelegt, welche sich scheinbar in einer Spannung zu der natürlichen Gemeinschaftsorientierung befindet. Letztlich sollen diese beiden Positionen in ihrer Spannung untersucht werden, um den Wert der Mitmenschen für die angemessene Handlung in Marc Aurels Ethik zu bestimmen.
2. Der Gemeinschaftsbegriff bei Marc Aurel
2.1 Der Kosmos
Ähnlich wie für andere Stoiker, war für Marc Aurel die Physik keine vollständig eigenständige Wissenschaft, sondern viel mehr zutiefst verwoben mit ethischen und logischen Überlegungen. Dementsprechend folgen in den Selbstbetrachtungen Gemeinschaftsorientierung sowie vernunftgemäße Handlungen, oftmals direkt aus physikalischen Überlegungen. Eine Analyse dieser ist daher entscheidend, auch wenn diese in der Schrift selbst nicht unabhängig von anderen Disziplinen der stoischen Philosophie behandelt werden.
Die wichtigste Basis aller physikalischen, logischen und ethischen Überlegungen in den Selbstbetrachtungen, bildet die “Natur des Ganzen”. Laut Marc Aurel beeinflusst diese jede existierende Substanz, da sie “alles durchwaltet„. Diese gemeinsame vernünftige Natur, das hegemonikon, also der führende Teil der kosmischen Vernunft, ist in jedem Ding und bestimmt dieses zugleich. Die von der vernünftigen Natur geleitete Gesamtheit aller Dinge ist hierbei der Kosmos. Marc Aurel konzipiert diesen als lebenden Organismus der alles materiell Seiende enthält. Hierbei haben laut van Ackeren die einzelnen Teile dieses Kosmos eine intrinsische Verbindung untereinander. So schreibt Marc Aurel “…, dass ich irgendwie eine innere Beziehung zu den verwandten Teilen habe.”. Diese Verbindug ist die Grundvoraussetzung für kausal Beziehungen innerhalb des Kosmos. All diese Kausalbeziehungen bilden dabei in der Gesamtheit eine teleologische Ordnung, da alle Dinge miteinander verbunden sind und durch die vernünftige Natur des Ganzen als erste und fortwährende Ursache bestimmt werden. Diese Bestimmung der Dinge durch die Natur führt zu stetiger Veränderung des Seienden und somit zu einer ewigen zyklischen Erneuerung des Kosmos. Darüber hinaus verweist Marc Aurel auf einen Wert Unterschied der verschiedenen Wesen innerhalb des Kosmos. Entsprechend zu diesem seien “die niederen Wesen wegen der höheren geschaffen und die höheren miteinander verbunden”. Dieser sich stetig erneuernde Kosmos ist nach Marc Aurel also hierarchisch, nach einer abgeschwächten Form der für den Stoizismus typischen scala naturae, strukturiert.
Der Kosmos und alle seine Bestandteile werden also nach Marc Aurel durch die Natur des Ganzen vernünftig bestimmt, geordnet und erneuert. Es gilt nun zu analysieren, wie sich Substanzen und insbesondere der Mensch in diesem monistischen Kosmos sowie die inhärent gegebene scala naturae eingliedern und wie sie miteinander als Gemeinschaft verbunden sind.
2.2 Gemeinschaft und menschliche Natur
Um zu verstehen, wie der Mensch sich in den Kosmos eingegliedert und wie er von der Natur des Ganzen zum vernunft gemäßen und Gemeinschaftsorientierten handeln gelenkt wird, muss man sich als erstes Marc Aurels Konzeption der menschlichen Natur vergegenwärtigen.
Wie gezeigt wurde, sind alle materiellen Dinge und so auch der Mensch, in der Philosophie des Marc Aurel, ein Teil des Kosmos und somit bestimmt von der Natur des Ganzen. Der Mensch ist zum einem Teil der hyle, also aller Materie, und zum anderen des hegemonikon, also dem leitenden Prinzip der Vernünftigen Natur. Die Materie wird hierbei von dem hegemonikon gelenkt und auf ein einziges allgemeines Ziel ausgerichtet. Hierbei steht alles Materielle im konstanten Wandel im sich ewig zyklisch erneuernden Kosmos. So schreibt Marc Aurel: “alles Körperliche ist ein Fluss […]” .
Der Mensch erfüllt hierbei in diesem Kosmos eine Sonderrolle: er ist selbst Vernunftbegabt und hat die Möglichkeit frei, sogar, wie in späteren Kapitel zu zeigen sein wird, auch gegen die Harmonie des Kosmos, zu urteilen und zu handeln. Diese dem Menschen gegebene Sonderrolle zeigt sich auch in der dem Kosmos inhärenten Hierarchie der Dinge, der scala naturae. Auch wenn Marc Aurel diese systematische Ontologie nicht exakt strukturiert, lassen sich doch mehrere Klassen der Dinge feststellen. Die Unterscheidung lässt sich zuerst auf die pneuma, also verschiedene Formen des göttlichen Geistes, welche sich in den Dingen und ihrer Lebenskraft ausdrückt, zurückführen. Dinge, die über psyche, also eine Seele verfügen, seien von höherem Wert als solche, die nur über physis, also Körperlichkeit im Sinne der hyle, verfügen. Innerhalb des beseelten Seiendem unterscheidet Marc Aurel wiederum zwischen quantitativer Seele und der rationalen Seele. Letztere bezeichnet eine moralische, auf das Gemeinwohl orientierte Seele, welche die höchste Form der psyche und somit die höchste Form des Sein an sich darstellt. Somit ist der Mensch nach Marc Aurel die höchste Lebensform innerhalb des Kosmos, gerade weil er im Einklang und Widerspruch zu dem hegemonikon handeln kann.
Wie gezeigt wurde, sind die Vernunftbegabung des Menschen und sein gemeinschaftsorientiertes Handeln eng miteinander verbunden. Diese Vernunftbegabung bezeichnet allerdings nicht eine individuelle Vernunft, die jedem einzelnen Mensch zukommt, sondern eine Teilhabe aller an der einen vernünftigen Seele. So schreibt Marc Aurel: “Es gibt nur eine denkende Seele, auch wenn sie getrennt zu sein scheint”. Diese geteilte Seele sorgt laut van Ackeren dafür, dass die für Marc Aurel charakteristische Gemeinschaftsorientierung bereits durch die physische Verbundenheit innerhalb dieser entsteht. Auch Hadot argumentiert, dass der Mensch als durch seine Teilhabe an der einen Vernunft, dem logikon, zum koinonikon bestimmt sei, also dazu veranlagt ist “die Einheit des Ganzen zu sichern” und im Sinne der Gemeinschaft zu handeln. Die Argumentation Marc Aurels steht dabei im Einklang zur stoischen Oikeiosislehre, welche dem Menschen als Handlungsmotivation eine “vormoralische Disposition” zuschreibt. Die Menschen sind also zwar materiell getrennt, aber alle innerhalb der einen vernünftigen Seele von Natur aus vereint in einer “geistigen Gemeinschaft” des Kosmos, der Polis.
2.3 Die kosmische Polis
Diese Polis ist nach der früh stoischen Theorie die einzige politische Gemeinschaft des Menschen und verfügt über bestimmte Charakteristika. Marcel van Ackeren bezieht sich dabei auf Katja Vogt, welche postuliert, dass der frühe stoische Kosmos sich durch fünf Eigenschaften auszeichnet: Gesetz Regulierung, Verwaltung durch Götter und Weisen, ausschließliche Bürgerschaft für vollkommen vernünftige, Einzigartigkeit der Polis sowie die de facto Existenz dieser Polis abseits von einer rein normativen Überlegung. Hierbei ist allerdings umstritten, inwiefern Marc Aurel diese klassischen Vorstellungen über die Eigenschaften der kosmischen Polis teilt. Pierre Hadot identifiziert die Philosophie der Selbstbetrachtungen im Allgemeinen und so auch im Fall der kosmischen Polis mit der Lehre Epiktets. So schreibt Hadot, die drei Lebensregeln des Epiktets würden “den Schlüssel zu den Ermahnungen an sich selbst [Selbstbetrachtungen] darstellen”.
Gegensätzlich zu Hadot, argumentiert van Ackeren, dass Marc Aurels Vorstellung der Polis in einigen Positionen von der klassischen Stoa abweiche. So sei die politische Gemeinschaft bei Marc Aurel eine im wesentlichen egalitäre Gesellschaft, welche frei von Gesetzen und Herrschaftsverhältnissen ist. Marc Aurel thematisiere Herrschaftsverhältnisse im Allgemeinen nur im Rahmen einer scala naturae zwischen verschiedenen Lebensformen, nicht aber zwischen den Menschen der Polis. Den Staat konzipiert er also als einen Raum der “auf der Basis von Gleichheit vor dem Gesetz und der Redefreiheit verwaltet wird”, was auch eine klassische Einschränkung der Bürgerschaft in der Polis ausschließt. Desweiteren spricht Marc Aurel von “dem natürlichen Gesetz der Gemeinschaft”, was dafür spricht, dass nicht bestimmte definierte Gesetze, sondern dass was die Gemeinschaft ausmacht, die gemeinsame Vernunft, den Leitfaden der kosmischen Polis für Marc Aurel bilden. Hier zeigt sich erneut, dass die Selbstbetrachtungen für Marc Aurel keine spezifischen normativen Verhaltensregeln aufstellen, sondern als therapeia, also als geistige Übung und Rückbezug auf die stoischen Grundsätze fungieren sollen. Laut van Ackeren liegt zudem innerhalb Marc Aurels Gemeinschaftsbegriff ein wesentlicher Unterschied zu den Lehren Epiktets, die Hadot, wie bereits erwähnt, noch als Grundlage für die Selbstbetrachtungen sah. So sei innerhalb der Lehre Epiktets die Gemeinschaft nicht primär zwischen den Menschen untereinander, sondern zwischen Mensch und Gott und somit erst sekundär Gemeinschaftlich. Epiktet beruft sich hierbei auf personalisierte Götter, während Marc Aurel stets die geteilte Vernunft in den Vordergrund stellt und somit die Polis zu großen Teilen von Göttern, emanzipiert. Der letzte Unterschied zwischen Marc Aurels Konzeption der Polis und den frühstoischen Eigenschaften dieser, findet sich in der Abwesenheit der Weisen in den Selbstbetrachtungen. Diese gelten im frühen Stoizismus als tugendhafte Menschen, die über eine perfekte Vernunft verfügen und nach dieser handeln. Sie seien die eigentlichen Bürger der Polis oder zumindest enger Verbunden mit dem hegemonikon. Diese Gruppen werden allerdings laut van Ackeren nicht von Marc Aurel innerhalb des politischen Kontext thematisiert, was eine egalitäre Interpretation der kosmischen Polis untermauert.
Die kosmische Polis des Marc Aurels bezeichnet daher eine einzigartige Auslegung der stoischen Gemeinschafts Philosophie. Sie postuliert eine einzige egalitäre politische Gemeinschaft, in welcher alle Menschen gleichermaßen durch ihre Anteilnahme am hegemonikon Teil haben. Dabei ist das einzige in der Gemeinschaft geltende Gesetz die Orientierung an der alles verbindenden leitenden Vernunft. Es bleibt nun zu klären, ob soziale Gemeinschaften und klassische Nationalstaaten, beispielsweise das von Marc Aurel als Kaiser regierte Römische Reich, in diese einzige kosmische Gemeinschaft einbezogen werden können.
2.4 Soziale und politische Gemeinschaften
Innerhalb der stoischen Tradition gilt die kosmische Polis als einzige politische Gemeinschaft des Menschen. Marc Aurel hingegen legt einen stärkeren Fokus auf andere soziale sowie politische Gemeinschaften, welche ebenfalls Teil der menschlichen Natur seien. Diese Betonung menschlicher Beziehungen wird auch in der Form des ersten Buches der Selbstbetrachtungen besonders deutlich. Es handelt sich dabei um das einzige formal strukturierte Buch des Werkes und scheint somit von besonderer Wichtigkeit zu sein. In diesem Buch spricht Marc Aurel seinen Mitmenschen seine Dankbarkeit für die von ihnen erlernten Fähigkeiten aus. Dementsprechend ist zu klären, wie Marc Aurel diese staatlichen oder individuellen Beziehungen zu den Mitmenschen in seine kosmische Polis integriert und welchen Wert sie innerhalb dieser besitzen.
Marcel van Ackeren versucht die Eingliederung anderer Gemeinschaften in die kosmische Polis in Marc Aurels Philosophie anhand von “Hierokles Kreisen” darzustellen. So seien alle Menschen von vielen Kreisen umschlossen, einer der kleinsten dieser Kreise beziehe sich auf die Vernunft und den Körper, die darauf folgenden Kreise auf familiäre Verwandtschaftsbeziehungen. Diese Gemeinschaften werden wiederum umschlossen von einem Kreis der Orts und Volksgemeinschaft welche letztlich von dem äußeren Kreis welcher die gesamte Menschheit darstellt umschlossen wird. So ist der äußere Kreis, insofern man Marc Aurels egalitärer Konzeption der Polis folgt, repräsentativ für die kosmische Polis, während die kleineren Kreise jeweils soziale und politische Bindungen darstellen. So schreibt Marc Aurel, dass zu der kosmischen Polis “die übrigen Staaten gleichsam wie einzelne Häuser gehören”. Insofern folgt aus der kosmischen Polis als höchste Gemeinschaft aller Menschen keinesfalls eine Missachtung anderer gemeinschaftlicher Bindungen. Vielmehr wird die Wichtigkeit solcher Gemeinschaften sogar betont. Die einzelnen Gemeinschaften seien Orte, an dem sich die geteilte Vernunftnatur ausdrücken kann, indem sie für das Individuum unmittelbar Bezugspunkt der kosmischen Polis sind. Darüber hinaus bilden soziale Beziehungen erst Tugenden wie Gelassenheit oder Bescheidenheit, wie im ersten Buch ersichtlich wird. Um welche genaue Gemeinschaft oder welchen Staat es sich handle sei dabei allerdings irrelevant, so handele es sich bei Rom nur um einen “Referenzpunkt für Marc Aurel”, welcher die kosmische Polis ausdrückt.
Nationalstaaten sowie soziale Beziehungen zu Freunden oder der eigenen Familie sind also für Marc Aurel von größtem Wert, insofern sie einen Referenzraum für Handlungen im Einklang mit der Vernünftigen Natur darstellen und Tugenden vermitteln, die das Individuum zu einem Leben im Einklang mit dem hegemonikon ermächtigt. Es bleibt nun zu klären, wie genau diese Handlungen im Einklang mit der kosmischen Vernunft aussehen und wie sich diese Gemeinschaftsorientierte Lehre des Marc Aurels mit seiner Rolle als Kaiser und der Indifferenz gegenüber den außenstehenden Dingen Widerspruchslos verbinden lassen können.
3 Vernunftgemäße Handlungen bei Marc Aurel
3.1 Die Handlungsfreiheit des Menschen
Um die vernunftgemäßen Handlungen in Marc Aurels Selbstbetrachtungen zu verstehen, ist zuerst zu klären, inwiefern der Mensch in seinen Handlungen und Entscheidungen überhaupt frei ist.
In Anbetracht des von Marc Aurel postulierten hegemonikon, liegt die Annahme eines durch die leitende Vernunft erzeugten, umfassenden Determinismus innerhalb der Philosophie des römischen Kaisers nicht fern. Allerdings ist durch die bereits zuvor thematisierte Sonderrolle des Menschen im Kosmos das Gegenteil der Fall: auch wenn die Vorstellungen, die phantasiai, Teil der kosmischen Verkettung sind bleibt die innere Rede des Menschen immer frei. Dem Mensch steht es also frei auch gegen die kosmische Harmonie zu handeln, was ihn Verantwortlich für sämtliche Dinge macht die gegen die leitende Vernunft streben. Die Seele des Menschen sei dementsprechend durch ihr eigenes Urteil in der Lage die Wahrheit der leitenden Vernunft zu erkennen oder einem Irrtum zu unterliegen. Diese freie, Urteilende Instanz des Menschen liegt innerhalb seiner Teilnahme an der leitenden Vernunft und ist somit getrennt von dem körperlichen Teil des Menschen. So schreibt Marc Aurel: “Das leitende und beherrschende Prinzip deiner Seele, soll von der sanften oder heftigen Bewegungen in deinem Fleisch unbeeinflusst bleiben und sich nicht mit ihnen verbinden, sondern sich selbst abgrenzen und jene Leidenschaften in den Gliedern in Schranken halten.”
Marc Aurel beschreibt eine freie Urteilsfähigkeit des Menschen innerhalb seiner Teilnahme an der leitenden Vernunft durch das persönliche Denkvermögen, dianoia, welche getrennt von körperlichen Einflüssen erfolgen soll. Um welche körperlichen Einflüsse es sich handelt und welche indifferenten Dinge aus dem Urteilsprozess ausgeschlossen werden sollen, gilt es in dem folgenden Kapitel zu analysieren.
3.2 Die vernünftigen und unvernünftigen Handlungen
Die zuvor beschriebene freie Urteilsfähigkeit die dem Menschen zukommt, soll bei Marc Aurel, entsprechend seiner stoischen Grundvorstellungen, an dem hegemonikon orientiert sein, während die von diesem unabhängige “Dinge die Seele nicht berühren, sondern unbewegt außerhalb stehen”. Dieses Grunddogma der Ethik der Selbstbetrachtungen gilt es nun genauer zu definieren, um aufzuzeigen, welche Dinge im Rahmen dieser Indifferenz zu missachten sind und welche wiederum als Teil der vernünftigen leitenden Natur als Maßstab der individuellen Handlung gelten.
Die grundsätzliche Differenzierung verschiedener Dinge lässt sich, wie bereits angedeutet, auf die eigene Anteilnahme an der leitenden Vernunft zurückführen. Marc Aurel orientiert sich hierbei an der Konzeption des Epiktets, nach welcher “Nicht die Dinge selbst” zu Unmut führen, “sondern ihre Meinung und Urteile über die Dinge”. So sorgt die menschliche Urteilsfreiheit dafür, dass alles, was außerhalb des Urteilenden Individuums steht, indifferent ist und über keinen objektiven Wert für Entscheidungen verfügt. Der eigene Verfügungsbereich ist somit auf das Individuum und seine Bewertungen beschränkt. Äußere Dinge sind damit in sich frei von Wert, ohne positive oder negative moralische Implikationen, es liegt vielmehr in der Verantwortung des Individuums die phantasiai zu beurteilen. Auch andere Menschen benennt Marc Aurel als “gleichgültigen Dingen”, da sie außerhalb des individuellen Verfügungsbereich liegen. Während Stoiker wie Seneca soziale Beziehungen als vorzuziehende indifferente Dinge betrachteten, argumentiert van Ackeren, dass diese Konzeption von Marc Aurel abgelehnt wurde. Vielmehr sollen die eigenen Mitmenschen keine Auswirkungen auf das eigene Urteil haben, insofern dieses einer angemessenen Handlung entspricht. Dementsprechend fordert Marc Aurel ein Handeln “gegen ihren Willen, wenn dich der Gedanke an Gerechtigkeit dazu treibt”.
Die unvernünftige Handlung hat in Marc Aurels Philosophie auch eine erhebliche Auswirkung auf die Gemeinschaft innerhalb der kosmischen Polis, was erneut die wechselseitige Verbindung von Marc Aurels Ethik und Metaphysik aufzeigt. So spaltet der Mensch sich von der eigenen und geteilten Vernunft ab, sobald er seine Entscheidung von den Dingen und nicht von der gemeinsamen Vernunft leiten lässt. Er ist, laut Marc Aurel, wie “Ein Zweig der von einem Zweig an dem er angewachsen ist, abgehauen wurde” und somit “unweigerlich von dem ganzen Baum abgetrennt”. Dementsprechend verliert ein Mensch, der gegen die geteilte Vernunft handelt, seine Verbindung zur Polis. Diese Fehlhandlung des einzelnen ist zerstörerisch für die Gemeinschaft. Dennoch kann nach einer fehlgeleiteten Handlung eine “Wiedereingliederung [in diese] erfolgen”. Diese Wiederaufnahme in die kosmische Gemeinschaft kann allerdings nicht unbegrenzt oft wiederholt werden. Neben einer erschwerten Wiedereingliederung verändert sich der einzelne Mensch als solches, sodass er sich weiter von der ursprünglichen Verbindung distanziert. Es kommt also dazu, dass Menschen, die wiederholt gegen das leitende Prinzip des hegemonikons handeln, langfristig aus der Polis ausgeschlossen werden. Diese Menschen bleiben aber trotzdem Teil des Kosmos als solchen und agieren trotzdem notwendig immer im Kontext einzigen dort existierenden Gemeinschaft in Form der Polis.
Die beschriebenen unvernünftigen Handlungen stehen im Kontrast zu den vernünftigen Handlungen, welche auf die Gemeinschaft innerhalb des hegemonikon ausgerichtet sind. Grundsätzlich lassen sich die vernünftigen Handlungen in den Selbstbetrachtungen als eine Handlung im Einklang mit der eigenen Natur definieren. So schreibt Marc Aurel: “Nichts, was der Natur entspricht, ist schlecht”. Marcel van Ackeren definiert über diese grundsätzliche Definition hinaus fünf zentrale Charakteristika der angemessenen Handlung:
“Erstens wird deutlich, dass es Marc Aurel in der Tat um die einzelne konkrete Handlung geht und nicht um die Ziele und die Gesamtheit der Lebensführung.
Zweitens soll die Handlung unabhängig von den Meinungen der an- deren Menschen ausgeführt werden und nicht davon beeinflusst sein.
Drittens heißt Konzentration auf eine einzelne Handlung, sich nur auf diese und nicht die vergangenen und zukünftigen zu konzentrieren. Also fordert Marc Aurel damit auch die Konzentration auf die Gegenwart, weil nur diese zum Verfügungsbereich des Menschen gehört.
Viertens erfordert die Konzentration auf die einzelne gerade auszu- führende Handlung eine Analyse und Zergliederung derselben, so als ob sie aus Zahlen bestünde. […]
Fünftens soll die Handlung unabhängig vom kontingenten Ausgang erfolgen. Die Konzentration liegt also ganz auf dem Beginn und der Ausübung der Handlung, nicht auf der Erreichung des Zieles.”
Die angemessene Handlung wird also immer individuell im spezifischen Moment betrachtet, ohne sich von Affekten oder der Ausrichtung auf ein Ziel beeinflussen zu lassen. Darüber hinaus lässt sich in Marc Aurels Beschreibung der angemessenen Handlung erneut sein besonderer Fokus auf die Gemeinschaft erkennen. Laut Marc Aurel liegt die Freude des Handelns darin “Von einer gemeinschaftfördernden Tat zur nächsten fortschreiten und dabei an Gott zu denken”. Die Gemeinschaftsorientierung des Handelnden wird dementsprechend von van Ackeren als “das Handlungskriterium schlechthin dar[ge]stellt”. Das handelnde Individuum orientiert sich also, insofern es angemessen handelt, ausschließlich an seiner Gemeinschaftsorientierten Natur, ohne sich von Affekten oder einer Zielorientierung leiten zu lassen.
Wie gezeigt wurde, lässt sich die moralische Bewertung der Handlung für Marc Aurel auf die natürliche Gemeinschaftsorientierung zurückführen. Gleichzeitig sollen die indifferenten Dinge, also solche, die außerhalb des individuellen Verfügungsbereiches liegen, nicht das Urteil des Handelnden beeinflussen. Hierbei zeigt sich eine zentrale Spannung in der Philosophie des Marc Aurels: Zum einen sind die äußeren Dinge und so auch die Mitmenschen indifferent, wenn sie die angemessene Handlung behindern. Zum anderen sind diese als direktester Referenzraum für die kosmische Gemeinschaft das zentrale Handlungskriterium. Wie und ob diese scheinbare Spannung aufgelöst wird, soll im folgenden Kapitel analysiert werden.
3.3 Indifferenz und Gemeinschaftsorientierung
Der scheinbare Spannungspunkt zwischen der Gemeinschaft als Handlungskriterium und der Indifferenz anderer Menschen innerhalb der Philosophie Marc Aurels lässt sich kritisch betrachten. Im Folgenden soll die Indifferenz der Mitmenschen kontextualisiert werden, um zu zeigen, wie Marc Aurel seine Philosophie mit seiner Rolle als römischer Kaiser vereint.
Um die vorliegende Spannung genauer zu verstehen, analysiert Marcel van Ackeren, inwiefern Marc Aurel den Begriff der Indifferenz auf seine Mitmenschen bezieht. Diese scheint limitiert auf spezifische Situationen zu sein. So schreibt Marc Aurel: “Sofern mich aber einige an der Erfüllung der eigenen Aufgaben hindern, wird für mich der Mensch zu einem der gleichgültigen Dinge […]”. Hierbei wird erkenntlich, dass die Mitmenschen nur dann als Indifferent für das eigene Handeln gelten, wenn sie die angemessene Handlung beeinträchtigen. Dieses Behinderung der Handlung wird dabei nicht durch das ignorieren des Mitmenschen gelöst, sondern durch den Willen diesen zu überzeugen. Hierbei muss sich der Stoiker allerdings immer bewusst sein, dass er keinen vollkommenen Einblick in die Natur des Ganzen besitzt. Vielmehr ist diese immer Kontingent aber nicht zwingend erkennbar. Seine Handlung wird also unter Vorbehalt getroffen, da er sich dessen Ausgang nicht bewusst sein kann. Es handelt sich also um eine „Vorbehaltsklausel“. Pierre Hadot unterstreicht ebenfalls die Wichtigkeit dieser Vorbehaltsklausel welche dafür sorge dass die Mitmenschen als Teil der Gemeinschaft das Selbst nie erzürnen. Es wurde also gezeigt, dass die Mitmenschen nur unter Vorbehalt als indifferent gelten, insofern sie die scheinbar angemessene Handlung behindern.
Aus dieser neuen Erkenntnis lässt sich eine mögliche Lösung für die Spannung zwischen Indifferenz und Gemeinschaftsorientierung ableiten. Wie bereits gezeigt wurde, ist das Wohl der Gemeinschaft als Ganzes durch die Natur selbst Leitgebend für die Handlung des Einzelnen. Marcel van Ackeren argumentiert, dass dadurch dieses Wohl nicht indifferent sein kann, da es Vernunft geleitet ist. Hieraus ergibt sich, dass die Mitmenschen nur dann indifferent sind, wenn sie die angemessene Handlung behindern wollen. Dies würde, wie bereits gezeigt wurde, langfristig zum Ausschluss der unvernünftigen Person aus der Polis führen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass die Gemeinschaft als Ganzes indifferent wird. Vielmehr bleibt die konkrete Gemeinschaft als Referenzrahmen für die kosmische Polis leitgebend für die vernünftige Handlung. Die politische und soziale Gemeinschaft, welche im Fall von Marc Aurel durch Rom und seine Bürger konstituiert wird, ist also nicht indifferent, sondern leitgebend für die angemessene Handlung. Darüber hinaus zeigt die Vorbehaltsklausel, dass die angemessene Handlung nie exakt für den Handelnden ersichtlich wird. Konkret wird die Spannung also gelöst, indem der Handelnde seine Mitmenschen nur als indifferent betrachtet, wenn er diese als hinderlich für das Wohl der Gemeinschaft wahrnimmt. Diese Einschätzung erfolgt allerdings immer unter Vorbehalt, da kein Mensch einen exakten Einblick in die leitende Vernunftnatur besitzt.
Letztlich zeigt sich hier erneut die enge Verbindung von Ethik und Metaphysik in der Philosophie der Selbstbetrachtungen. Marc Aurel verlangt: “Ziehe dich in dich selbst zurück”. Da dieses Selbst allerdings durch das hegemonikon auf die Gemeinschaft ausgerichtet ist, stellt der Rückzug in sich selbst eine ethische Gemeinschaftsorientierung dar. Die daraus resultierende Beurteilung erfolgt zusätzlich nie vollkommen zweifellos, da kein Mensch einen vollkommenen Einblick in die leitende Vernunft besitzt. Die Mitmenschen, und im konkreten die Bürger Roms, werden also als Indifferent betrachtet und orientiert auf das Wohl der Gemeinschaft widerspruchslos vom Kaiser unter Vorbehalt beurteilt.
Eine Bewertung dieser Lösung scheint allerdings einige weitere offene Fragen zu offenbaren. Dies wird besonders durch den Einfluss der Vorbehaltsklausel auf die Freiheit des Menschen deutlich. So bleibt vorerst unklar, wie genau die Natur alle Dinge unbehindert teleologisch lenken kann, obwohl dem Menschen partielle Handlungsfreiheit zugesprochen wird. Es scheint, als bleibe nur das Urteil des Menschen frei, während alle anderen Dinge zu jeder Zeit, entsprechend einem physikalischen Determinismus, gelenkt werden. Dieser Umstand spricht für eine mögliche Spannung zwischen Determinismus und Handlungsfreiheit in der Philosophie Marc Aurels. Dies wird insbesondere durch die von van Ackeren thematisierte Abwesenheit der Weisen in den Selbstbetrachtungen deutlich, welche in der klassischen Stoa die einzigen wahren handlungsfähigen Bürger der Polis sind. Neben dieser Problematik bleibt zu klären, wie genau das gemeinschaftliche gut in strenger Auffassung mit einer konkreten politischen Bindung zu allen Menschen vereinbar ist. Hierbei bleibt offen, ob die Gemeinschaft abstrakte Referenz bleibt oder sich durch die konkreten Wünsche und Lebensrealitäten der Mitmenschen konkretisiert.
4. Schluss und Ausblick
In Anbetracht der herausgearbeiteten Aspekte lässt sich eine mögliche Lösung des Spannungsfeldes von Indifferenz und Gemeinschaftsorientierung in der Handlungstheorie von Marc Aurels Selbstbetrachtungen erkennen. Diese basiert auf einer tiefliegenden Verbindung von stoischer Metaphysik und Ethik. Hierbei legt Marc Aurel einen besonderen Fokus auf die dem Menschen vordisponierte natürliche Gemeinschaftsorientierug. Diese basiert auf physikalischen Überlegungen über den Kosmos, in welchem alle Menschen als höchste Lebensform Teil der einzelnen leitenden Vernunft sind und durch eine egalitäre politische Gemeinschaft verbunden werden. Real existierende politische und soziale Gemeinschaften sind hierbei zentraler Referenzraum für die angemessene Handlung, die im Einklang mit der Vernunft und auf die kosmische Gemeinschaft orientiert erfolgen soll. Des Weiteren sind für das Individuum Dinge außerhalb des individuellen Verfügungsbereiches frei von Wert, so auch die Mitmenschen. Diese Arbeit zeigt, dass sich eine mögliche Lösung der Spannung von Individualismus und Gemeinschaftsorientierung in einer Kontextualisierung der Indifferenz der Mitmenschen findet. So sieht Marc Aurel diese nur unter Vorbehalt als gleichgültige Dinge, wenn sie die angemessene Handlung behindern. Die Mitmenschen bleiben also als direkte Gemeinschaft immer in einem abstrakten Sinne die zentrale Referenz der Handlung und sind nur im Falle einer Behinderung des Wohles dieser zu missachten. Durch diesen Lösungsansatz entstehen allerdings mehrere neue Fragen bezüglich des Verhältnis von Determinismus und Handlungsfreiheit. Diese könnten in einer Arbeit über die deterministischen Implikationen der Vorbehaltsklausel auf die Handlungen des Individuums thematisiert werden. Des Weiteren bleibt zu klären, inwiefern Marc Aurels Philosophie in Verbindung zu seiner politischen Position als Kaiser von Rom interpretiert werden kann. Diese Arbeit orientiert sich maßgeblich an der Arbeit von Marcel van Ackeren, der Marc Aurel als originellen Stoiker mit einer egalitären Gemeinschafts Konzeption betrachtet. Eine konkrete Gegenüberstellung der Philosophie Marc Aurels und anderer stoischer Schriften könnte zeigen, inwiefern Egalitäre Vorstellungen schon vor Marc Aurel im Stoizismus vertreten waren. Letztlich lässt sich kritisch untersuchen, inwiefern Marc Aurel generell an einer systematischen Kontinuität seiner Philosophie interessiert war, oder ob sein Werk als geistige Übung einen rein meditativen Anspruch für den Kaiser besaß. All diese Überlegungen bieten Raum für anschließende Forschungsfragen. Diese überschreiten allerdings den Rahmen dieser Arbeit, welche sich auf eine Verbindung von Indifferenz und Gemeinschaftsorientierung in der Philosophie des Marc Aurels beschränkt hat.
5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Aurel, Marc: Selbstbetrachtungen. Übersetzt und herausgegeben von Krapinger, Gernot, Stuttgart: Reclam Verlag, 2019.
Epiktet: Handbüchlein der Moral. Übersetzt und herausgegeben von Steinmann, Kurt, Stuttgart: Reclam Verlag, 2004.
Sekundärliteratur:
Hadot, Pierre: Die innere Burg. Anleitung zu einer Lektüre Marc Aurels. Übersetzt von Ozaki, Makoto und von der Osten, Beate, Frankfurt: Eichborn Verlag, 1997.
Prechtl, Peter und Burkard, Franz-Peter: Metzler Lexikon der Philosophie. Berlin: J.B. Metzler Verlag, 2008.
Reydams-Schils, Gretchen: “Social Ethics and Politics”, in: van Ackeren, Marcel: A Companion to Marcus Aurelius. Malden: Blackwell Publishing Ltd., 2012.
Sedley, David: “Marcus Aurelius on Physics” in: van Ackeren, Marcel: A Companion to Marcus Aurelius. Malden: Blackwell Publishing Ltd., 2012.
van Ackeren, Marcel: Die Philosophie Marc Aurels. Berlin: Walter de Gruyter Verlag, 2011.