Mitleid & Glück: Eine Verbindung zwischen Schopenhauers ‘Über die Grundlage der Moral’ und den ‘Aphorismen zur Lebensweisheit’

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1. Einleitung

Es wirkt schon fast absurd, über das Glück zu schreiben, wenn es sich um einen der populärsten Pessimisten unter den Philosophen handelt.1 Schopenhauer ist nicht der Erste, an den man denken dürfte, wenn es darum geht, sich ein zufriedenstellendes Leben zu gestalten, und doch hat sich Schopenhauer nicht gerade wenig mit dem Glück des Menschen beschäftigt. Schon in seinem Hauptwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” ist der Schlussgedanke nicht, dass das menschliche Handeln keinen Wert habe, sondern, dass der Mensch in seinem Handeln frei und in der Lage ist, sich trotz des Leidens der Menschen anders zu verhalten. Trotzdem scheint es eher euphemistisch bei Schopenhauer von Glück zu sprechen, da von Glück bei Schopenhauer kaum die Rede ist. In seinem Buch, “Aphorismen zur Lebensweisheit”, auf welches ich mich außerdem in dieser Ausarbeitung beziehen werde, geht es nicht darum, das Glück im Leben zu finden, sondern darum, ein Leben zu leben, welches von so wenig Leid wie möglich betroffen ist. Dabei spielt die Ethik eine zentrale Rolle, da die Lebensratschläge in den Aphorismen mit dem Vermeiden des antimoralischen Handelns fest verwurzelt sind.

“Alle Ethik verdankt sich unserem unausrottbaren Verlangen nach einem ‘guten Leben’, dem nach Schopenhauer ‘angeborenen Irrtum’, Glück sei der Sinn des Lebens.”2

Eine Verbindung herauszuarbeiten zwischen Schopenhauers Ethik und den Regeln, ein weitestgehend leidfreies Leben zu führen, ist die zentrale Aufgabe dieser Hausarbeit. Der erste Teil bezieht sich insbesondere auf Schopenhauers “Über die Grundlage der Moral”, der zweite auf die “Aphorismen zur Lebensweisheit”. An welchen Stellen lässt sich die Ethik Schopenhauers in den Aphorismen wiederfinden und ist es möglich, ein Leben mit geringem Leid zu führen, welches dazu noch moralischen Wert hat? Ist es vielleicht sogar unausweichlich, die Ethik zu berücksichtigen, wenn man sich mit den “Aphorismen zur Lebensweisheit” beschäftigt?

2. Begründung der Ethik

“Eine vorherrschende moralische Intuition besagt, dass moralische Verantwortlichkeit Freiheit voraussetzt.“3

Der Mensch muss in seinem Handeln frei sein, um moralisches Handeln zu ermöglichen. Schopenhauer bezieht sich auf diesen Freiheitsbegriff in zwei seiner Werke: “Die Welt als Wille und Vorstellung” und “Preisschrift über die Freiheit des Willens”. In diesen beiden Werken ergründet Schopenhauer eine Vereinbarkeitstheorie, welche die Freiheit des Menschen und dessen Notwendigkeit miteinander verknüpfen soll.4

“Der metaphysische Wille ist, als außerhalb von Raum und Zeit stehend und dem Satz vom Grunde nicht unterworfen, frei; der in den Erscheinungen objektivierte Wille hingegen befindet sich in Kausalrelationen und ist determiniert. Jede menschliche Handlung findet mit naturgesetzlicher Notwendigkeit statt.”5

So ist Schopenhauer zwar in einigen Teilen ein Determinist, doch lässt er dabei einen Spielraum für Entscheidungsfreiheit.6 Doch die Diskussion um den freien Willen Schopenhauers ist sehr umfangreich und daher nicht Inhalt dieser Ausarbeitung.

Die Ethik von Schopenhauer, welche sich in “Über die Grundlage der Moral” wiederfinden lässt, ist grundlegend zu unterscheiden von anderen Ethiken, wie zum Beispiel der von Kant. Nicht ohne Grund bezieht sich das Werk zum Großteil auf die Ethik Kants und Schopenhauers Kritik zu dieser. So kritisiert Schopenhauer zu Beginn des Buches die außerordentliche Komplexität der Ethik Kants:

“Es sind meistens unterwiesene, aus der Luft gegriffene Behauptungen, und zugleich, wie eben auch Kants Begründung selbst, künstliche Subtilitäten, welche die feinsten Unterscheidungen verlangen und auf den abstraktesten Begriffen beruhen […]”7

Schopenhauer zieht nach der kritischen Untersuchung Kants den Schluss, dass eine Ethik “niemals normativ, sondern allein deskriptiv verfahren könne.”8 So verfolgt Schopenhauer den Ansatz, eine Ethik zu verfassen, die sich, soweit möglich, auf die anschauliche Welt beruht, die demzufolge wenig Nachdenken erfordert und mit wenigen Abstraktionen arbeitet, sodass seine Ethik auch die rohsten, wenig gebildeten, Menschen ansprechen könnte.9 Schopenhauer bemüht sich darum, die zugrundeliegenden psychischen Kräfte zu analysieren, aus denen moralisches Handeln entspringt.10 Nicht ohne Grund wird Schopenhauer der Anschauungsdenker genannt, denn das Ziel, welches er im Sinn hat, ist nicht die Ausarbeitung einer Ethik, welche dem Menschen vorschreiben wollen würde, wie er zu handeln habe, sondern eine Moral aus den gegebenen vorausgesetzten Phänomenen zu rekonstruieren.11 Einfacher gesagt, zu untersuchen, in welchen Gründen für menschliches Handeln man einen moralischen Wert erkennen könnte.

Die Ethik Schopenhauers ist also nicht eine Anweisung zur Tugend, sie lehrt nicht, wie man sich sittlich zu verhalten hat, sondern zeigt auf, wie der Mensch sich wirklich verhält.12 Schopenhauer versucht, eine Ethik zu bilden, welche auf der Erfahrung und Erkenntnis seiner selbst beruht. Eine Moral, welche nicht im reinen Intellekt Fuß fassen soll, sondern auch in der Realität wiederzufinden ist. Doch um solch eine Ethik zu ergründen, benötigt es eine Basis, auf welcher man diese beruhen könnte. Schopenhauer sei dabei sehr kritisch gegenüber vorherigen Philosophen, bei denen er der Meinung ist, dass die Begründungen “aus der Luft gegriffene Behauptungen”13 sind. Doch diese Suche sei keine einfache, denn man würde sich in einem “sehr jugendlichen Irrtum befinden, wenn man glaubte, dass alle gerechten und legalen Handlungen der Menschen moralischen Ursprungs wären.”14 Denn die meisten dieser fälschlich für moralisch gehaltenen Handlungen würden auf zwei äußeren Notwendigkeiten beruhen. Die erste beruht auf der gesetzlichen Ordnung, welche durch Gesetze festgelegt ist und durch eine öffentliche Gewalt geschützt wird. Die zweite, auf der bürgerlichen Ehre bzw. dem Ruf eines jeden, welcher unter der Bewachung der öffentlichen Meinungen steht.15 Dies erschwert Schopenhauers Suche nach authentisch moralischen Handlungen erheblich, da Gerechtigkeit im Grunde bloß konventionell wäre und so weiteres Handeln auf egoistische Gründe zurückzuführen sei.16 Ein vernunftbasiertes Moralsystem ist für Schopenhauer nur ein Schleier, unter dem sich das egoistisch motivierte Handeln verstecken kann, um nach außen als moralisch zu erscheinen. Gerechtigkeit könne sich als gesellschaftliche Konvention erweisen, wodurch auch andere scheinbar moralische Verhaltensweisen letztendlich egoistischen Motiven entspringen würden.17 Ein weiterer Punkt, der es Schopenhauer erschwert, eine Basis für moralisches Handeln zu finden, ist seine Meinung über das Gewissen. Für Schopenhauer ist das Gewissen, sowie das daraus folgende schlechte Gewissen keine zufriedenstellende Begründung für eine Ethik. Dafür müsste das Gewissen natürlichen Ursprungs sein, was aber nach ausführlicher Begründung Schopenhauers nicht so ist. Das Hauptargument ist, dass das schlechte Gewissen oft nichts anderes sei “als die Furcht vor dem, was ihm dafür geschehen kann.”18 Trotz dieser Schwierigkeit ist Schopenhauer der Überzeugung, dass es Handlungen gibt, welche nicht aus egoistischen Gründen, sondern aus uneigennütziger Menschenliebe heraus passieren. Eine Begründung dafür seien die “einzelnen, aber unzweifelhaften Fälle, wo nicht nur die Gefahr gesetzlicher Verfolgung, sondern auch die der Entdeckung und selbst jedes Verdachtes ganz ausgeschlossen war, und dennoch selbst vom Armen dem Reichen das Seine gegeben wurde”.19

Begründet wird dieser Fall durch die Reaktionen, die solch ein Handeln hervorrufen würde. Diese Handlungen sind zwar sehr seltene Ausnahmen, doch sie kommen in der Realität vor, auch ohne religiöse Dogmen oder eine darauffolgende Belohnung oder Bestrafung.20 Der Mensch ist im Grunde vom Egoismus bestimmt und das moralische Handeln ist eine Ausnahme. Schopenhauer gelangt daher zu der Erkenntnis, dass moralisches Handeln durchaus möglich ist. Jedoch sollte man gemäßigte Erwartungen an die natürliche Sittlichkeit des Menschen und das Fundament der Ethik haben.21 Denn die moralische Triebfeder im Menschen kann keine sehr mächtige sein, da sie in den meisten Fällen nicht wirken würde, auch wenn nur geringe egoistische Gegenmotive vorhanden sind.22

3. Egoismus und die antimoralischen Triebfedern

Der Egoismus ist nach Schopenhauer die Grundtriebfeder im Menschen, die nahezu alles Handeln beeinflusst. Der Mensch strebt nach Selbsterhaltung, nach der Vermeidung von Leid und nach der Maximierung aller ihm möglichen Lustempfindungen.23 Schopenhauer sieht den Egoismus als eine gewaltige Kraft an, die alle anderen Triebfedern übertrifft und sämtliche Lebensbereiche durchdringt.24 Er sei der Grund dafür, dass sich jeder zum Mittelpunkt der Welt mache und alles nur auf sich selbst beziehe. Schopenhauer begründet dies damit, dass der Mensch zu sich selbst direkten Zugang hat, während er andere Menschen nur mittelbar durch die Vorstellung von ihnen in seinem Kopf wahrnimmt.25 Im alltäglichen Leben würde sich der Egoismus hinter jeder Ecke verstecken und sei oftmals getarnt durch die Höflichkeit, welche eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Heuchelei sei, die den natürlichen Egoismus verschleiere.26 Dadurch, dass sich der Egoismus in alles Handeln und Denken einschleiche und somit den größten Einfluss auf das menschliche Handeln habe, sei der Egoismus die hauptsächliche Macht, welche es für die moralischen Triebfedern zu bekämpfen gelte.27

Der Egoismus ist nicht die einzige Macht, welche die moralische Triebfeder zu bekämpfen hat. Neben dem Egoismus existiert die Boshaftigkeit, die sich in verschiedenen Formen wie Grausamkeit, Übelwollen, Rache, Neid und Schadenfreude zeigt. Sie strebt fremdes Leid selbst dann an, wenn daraus kein persönlicher Vorteil erwächst, sondern sogar Nachteile entstehen.28 Dadurch unterscheidet sich die Boshaftigkeit vom Egoismus, da sie nicht das eigene Wohl als Grund der Handlung trägt, sondern das Leid des Anderen im Fokus steht. Das allgemeine Übelwollen in den niederen Graden sei sehr häufig, doch es würde oft verschleiert werden durch Klugheit und Höflichkeit.29 Eine der Hauptquellen dieses Übelwollens ist der Neid, welcher erregt wird durch fremdes Glück, Besitz oder Vorzüge. Nach Schopenhauer sei kein Mensch frei von Neid, jedoch sei der Grad dieses Neides unterschiedlich. In gewissem Gegensatz zum Neid steht die Schadenfreude, wobei Neid zu fühlen etwas Menschliches sei, und die Schadenfreude zu genießen etwas Teuflisches.30 Dabei wird unterschieden zwischen der theoretischen Ebene von Neid und Schadenfreude und ihrer praktischen Umsetzung in Form von Bosheit und Grausamkeit. Denn der Egoismus kann zwar Leid und Schaden bei anderen anrichten, doch dies ist nur das Mittel, um dem egoistischen Ziel näher zu kommen und nicht der Zweck der Handlung. Bei der Bosheit und Grausamkeit sei es umgekehrt, da der Schaden und das Leiden anderer der Zweck der Handlung sind.31 Für Schopenhauer muss moralisches Handeln frei von Motiven sein, welche sich in den Geboten von Göttern wiederfinden lassen oder in der Justiz und Polizei. Denn man könnte nicht von Uneigennützigkeit reden, wenn jemanden eine Belohnung lockt oder eine angedrohte Strafe abschreckt.32

4. Der moralische Wert und dessen Kriterien

Handlungen von moralischem Wert können folglich nicht auf antimoralischen Triebfedern beruhen. Vielmehr gilt es, eine Handlungsmotivation zu ergründen, die weder auf Eigennutz noch auf der Absicht, jemandem zu schaden, gründet, und so als Fundament für wahrhaft moralisches Verhalten dienen kann. Denn nur jenes Verhalten kann als authentisch moralisch betrachtet werden, das aus unverfälschten, selbstlosen Motiven hervorgeht und primär das Wohl anderer im Blick hat.33 Um Handlungen mit moralischem Wert von anderen Motiven zu unterscheiden, gibt es für Schopenhauer zwei Kriterien: Erstens muss es aus sich heraus gut sein, ohne auf externe Rechtfertigungen angewiesen zu sein. Zweitens muss es unter realen Bedingungen tatsächlich motivierende Kraft besitzen und Menschen zum Handeln bewegen können.34 Da Schopenhauers Ethik auf eine deskriptive Weise ergründet wird, muss es etwas in der Realität geben, was moralisches Handeln begründet. Es sei empirisch zu klären, ob freiwillige Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit im menschlichen Handeln vorkommen.35 Zu Schopenhauers Bedauern erweist sich diese Unterscheidung aber rein empirisch als unmöglich, weil nur die Handlungen selbst beobachtbar sind, ihre wahren Beweggründe jedoch im Verborgenen liegen und daher immer der Verdacht bestehen bleibt, dass auch scheinbar moralische Taten egoistische Wurzeln haben.36 Doch die Überzeugung, dass solch ein Handeln trotzdem existiert, wird damit begründet, dass die allermeisten Menschen behaupten würden, schonmal rein aus der Motivation heraus gehandelt zu haben, ihren Mitmenschen kein Unrecht widerfahren zu lassen, ohne dabei den persönlichen Vorteil zu verfolgen.37 Nach Schopenhauer gelten diejenigen als wahrhaft ehrliche Leute, die nicht ihren eigenen Vorteil suchen, sondern die Rechte anderer achten und dem Mitmenschen uneigennützig, also ohne egoistische Absicht, zur Hilfe kommen.38 Würde man diese moralischen Handlungen leugnen, so würde das gesamte ethische Fundament erschüttert werden, da die Moral dann zu einer Wissenschaft ohne realen Gegenstand werden würde.39 Es muss also eine weitere Triebfeder des Handelns geben, welche jenseits eigennütziger oder bösartiger Motive liegt und moralisches Handeln überhaupt erst möglich macht. Die Existenz moralischer Handlungen ist eine Grundvoraussetzung jeder ethischen Theorie. Nachdem die Kriterien moralischen Werts geklärt sind, stellt sich die Frage nach der positiven Grundlage echten moralischen Handelns, das nach Schopenhauer im Phänomen des Mitleids wiederzufinden ist.

5. Das Mitleid: Gerechtigkeit und Menschenliebe

Es gibt nur einen einzigen Fall, in welchem der letzte Beweggrund einer Handlung nicht das eigene Wohl des Handelnden ist, nämlich, wenn der letzte Beweggrund im Wohl eines dabei passiv beteiligten Anderen liegt.40 Der Handelnde muss ausschließlich das Wohl eines Anderen im Blick haben, ohne dabei einen anderen Zweck zu verfolgen, als diesem zu helfen, ihn vor Schaden zu bewahren oder ihm Erleichterung zu verschaffen.41 Dieser Zweck alleine würde einer Handlung einen moralischen Wert geben, denn er beruht alleinig auf dem Nutzen eines Anderen. Um das Wohl des anderen aber zur alleinigen Quelle seiner Motive zu machen, müsste jener Andere der letzte Zweck des eigenen Willens werden, so wie man es sonst nur bei sich selbst ist. Dies würde jedoch voraussetzen, dass man bei dem Leid des Anderen mitleide, also sein Leid so fühle, als wären es die eigenen Schmerzen.42 Dafür muss ich mich mit dem Anderen identifizieren können, “d.h. dass jener gänzliche Unterschied zwischen mir und jedem Anderen, auf welchem gerade mein Egoismus beruht, wenigstens in einem gewissen Grade aufgehoben sei.”43 Der Andere ist einem in diesem Moment nicht mehr nur ein Fremder, sondern “in ihm leide ich mit, trotz dem, dass seine Haut meine Nerven nicht einschließt.”44

Dieses von Schopenhauer beschriebene Phänomen ist das Mitleid, verstanden als unmittelbare Teilnahme am Leid des Anderen, welches die alleinige und wahre Grundlage aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe bildet.45 Das Mitleid bewirkt jedoch mehr als nur emotionale Anteilnahme, denn es führt zu der fundamentalen Erkenntnis, dass sich die Trennung zwischen “Ich” und “Du” als Illusion des Verstandes erweist. Außerdem ist das Mitleid, im Kontrast zur reinen Gefühlsregung, universell und bezieht sich nicht nur auf aktuell wahrnehmbare Leidenszustände, sondern auch auf potentielles oder vergangenes Leiden.46 Das Mitleid unterscheidet sich von anderen ethischen Pflichten dadurch, dass es “nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung”47 beruht, sondern ursprünglich und unmittelbar in der menschlichen Natur selbst liegt. Dadurch erweist es sich als unter allen Verhältnissen beständig und zeigt sich in allen Ländern und zu allen Zeiten als universelles menschliches Phänomen.48 Es erweist sich außerdem als unabhängig von der unmittelbaren visuellen Wahrnehmung des betroffenen Subjekts. Vielmehr genügt bereits die mentale Vergegenwärtigung von Leid und Sorge der benachteiligten Person, um sich der Gerechtigkeit hinzugeben.49

Schopenhauers Mitleidsethik unterscheidet zwei fundamentale Kardinaltugenden, die beide aus derselben Quelle entspringen: Gerechtigkeit und Menschenliebe. Das Mitleid hat dabei zwei unterschiedliche Grade der Wirksamkeit, denn es kann jemanden einerseits davon abhalten, etwas aus egoistischen oder boshaften Motiven zu tun und dadurch einem anderen Leid zuzufügen, oder eine positive Wirkung haben, sodass es jemanden zur Hilfe antreibt. Der Unterschied von Gerechtigkeit und Menschenliebe kommt daher natürlich aus der Unterscheidung zwischen den passiven und aktiven Handlungen des Mitleids, also zwischen dem Nicht-Verletzen und Helfen.50 Aus dem ersten Grad des Mitleides entspringt der Grundsatz der Gerechtigkeit, welcher aber nur negativer Natur ist. Die Menschenliebe hingegen repräsentiert den aktiven, “positiven” und wertvolleren Teil des Mitleids, bei dem das Handeln zum Wohle eines Anderen der Hauptbestandteil ist.51 Schlussfolgernd ist die Tugendlehre Schopenhauers gesinnungsethischer Natur, was bedeutet, dass der moralische Wert einer Handlung nicht von den Folgen einer Handlung abhängig ist, sondern alleinig von der Motivation, aus der heraus sie vollzogen wurde.52 Wie diese theoretischen Grundlagen der Mitleidsethik mit Schopenhauers praktischer Lebensphilosophie verknüpft sind, zeigt sich in den “Aphorismen zur Lebensweisheit”.

6. Ein Bezug auf die “Aphorismen zur Lebensweisheit”

Die “Aphorismen zur Lebensweisheit” beschreiben einen Wandel im Denken Schopenhauers. Der ursprüngliche Pessimismus schwächt sich ab und die metaphysische Wahrheit, dass das Leiden ein Grundbestandteil des menschlichen Daseins ist, wird verknüpft mit der empirischen Notwendigkeit, ein angenehmes Leben zu führen.53 Die Lehre vom privaten Glück beruht darauf, das Leben dem Nichtsein vorzuziehen, was im Kontrast zu der Metaphysik Schopenhauers steht.54 So schreibt Schopenhauer in “Die Welt als Wille und Vorstellung”, wie “Glück und Ruhe nur im Verlöschen, im Nichtsein gegeben seien.”55 Die Aphorismen haben nach Schopenhauer aber auch nur einen bedingten Wert, da sie eine Anpassung an den empirischen Standpunkt bieten sollen.56 Genauer gesagt, um besser mit den realen Umständen sowie mit den gewissen Schwierigkeiten und Erfordernissen des Lebens umzugehen.57 Schopenhauer wird in dem Werk in einem tieferen Sinne zu einem Moralisten, also zu einem Lebenslehrer.58 Es werden Regeln aufgestellt, welche einem vor den vermeintlichen und trügerischen Glücksvorstellungen warnen und Vorschläge bieten, nach denen man sein Leben so gut es geht von Schmerz befreit.59 Das Werk ist in zwei Teile gegliedert, wobei sich der erste auf die Voraussetzungen bezieht, welche wichtig sind, um ein angenehmes Leben zu führen. Der zweite beschäftigt sich mit dem Verhalten, welches empfehlenswert ist, um dieses Ziel zu erreichen, also eine Gemütsruhe zu erzielen, die durch Einsatz des Willens erreicht werden kann.60 Die Aphorismen beziehen sich an verschiedenen Stellen abgesehen vom Hauptwerk auch auf die Ethik Schopenhauers. In dem Abschnitt § 22, der Grundlage der Moral, beschreibt Schopenhauer, dass in einer Person, die wahres Mitleid empfindet, ein tiefer Friede vorhanden ist, sowie eine beruhigte und zufriedene Stimmung.61

Schopenhauer gliedert die Aphorismen in drei Hauptpunkte:

Was Einer ist (Persönlichkeit)

Was Einer hat (Besitz, Gesundheit)

Was Einer vorstellt (Stellung, Ansehen)

Der erste Abschnitt bezieht sich auf die eigene Individualität und ist für das Glück von größter Bedeutung, sogar noch mehr als die anderen beiden Kategorien.62 Zu dem, was einer ist, gehören die persönlichen Vorzüge, wie ein großer Geist, also Intelligenz, und ein großes Herz, also die Herzensgüte sowie die äußeren Vorzüge, bei denen die Gesundheit an erster Stelle steht.63 Die eigene Persönlichkeit spielt eine wichtige Rolle, da der Einfluss von dem Guten und Schlimmen davon abhängig ist, wie die Person diese empfinden würde. Nach Schopenhauer sind dabei die größten Feinde des menschlichen Glücks der Schmerz und die Langeweile.64 Die Langeweile sei meistens verursacht durch eine Stumpfheit des Geistes, welche sich auf die Empfindung auswirkt und zu einer inneren Leere führt. Aus dieser inneren Leere heraus würde der Mensch in eine Sucht nach Gesellschaft und Vergnügen verfallen.65 Im Kontrast dazu führt eine höhere Intelligenz zu einer höheren Sensibilität und einer dadurch höheren Empfänglichkeit für das Leid und den Schmerz. In der Einsamkeit würde sich zeigen, was jeder von sich selbst hat und wie der Geist einer intelligenten Person, selbst in einer langweiligen Umgebung, das Gegebene mit seinen Gedanken ausfüllen kann, während ein »Tropf« unter der Last seiner “armsämligen Individualität” leidet.66 Schon in der »Grundeintheilung« in den Aphorismen zählt er den moralischen Charakter zu einem der Aspekte, die Einer ist.67 Am Ende des Abschnittes “Was Einer ist” bezieht sich Schopenhauer selbst auf seine Ethik, in der er schreibt, dass “die moralische Trefflichkeit unmittelbar beglückt”68 und er dies schon in den Grundlagen der Moral dargelegt hat, auf die er verweist. Denn in der Ethik schreibt Schopenhauer, dass das Mitleid zu einer fundamentalen Veränderung in der Beziehung zu anderen Menschen führt, da man durch die Erkenntnis weniger Unterschiede sieht zwischen sich und einem Anderen.69 Für eine tugendhafte Person sind die Anderen “kein Nicht-Ich; sondern »Ich noch ein Mal«”70, weshalb sein Verhalten gegenüber Fremden positiv ist. Er fühlt sich den Anderen verwandt, da er unmittelbare Teilnahme an deren Wohl und Leid hat.71 Daraus erwächst ein tiefer Friede in seinem Inneren und eine beruhigte, zufriedene Stimmung, bei der jedem in seiner Nähe wohl wird, da er durch das Mitleid in allen anderen Wesen sein eigenes Selbst wieder erkennt.72

Im Abschnitt “Was Einer hat” geht es um Besitz, Konsum und Egoismus. Schopenhauer gibt den Besitztümern eine untergeordnete Rolle für das Glück des Menschen und warnt in dem Abschnitt vor Gier, Neid und dem trügerischen Gedanken, dass man durch äußere Güter Zufriedenheit erlangen könnte. Der Egoismus, um den es in dem Abschnitt geht, steht in klarem Bezug zu den antimoralischen Triebfedern in der Ethik Schopenhauers. Denn wenn einer selbst in täglichen Vorgängen seinen Vorteil sucht und dabei den Nachteil anderer nicht berücksichtigt, “da sei man überzeugt, dass in seinem Herzen keine Gerechtigkeit wohnt, sondern er auch im Großen ein Schuft sein wird”.73 Das Mitleid führt zu einer Bescheidenheit der Ansprüche, denn wer das Leiden anderer als das eigene empfindet, wird weniger geneigt sein, durch übermäßige Anhäufung von Besitztümern zur Ungerechtigkeit beizutragen oder anderen das wegzunehmen, was sie benötigen. Gier entspringt dem durch Vergleich entstehenden Mangelgefühl, während Neid aus der Empfindung fremden Glücks als Bedrohung der eigenen Position erwächst.74 Wer jedoch durch das Mitleid die fundamentale Einheit aller Wesen erkennt, für den verlieren diese Vergleiche zwischen sich selbst und dem anderen an Kraft. Der andere wird nicht mehr als Konkurrenz angesehen, sondern als erweiterter Teil des Selbst.75 Obwohl man sich durch diese Erkenntnis theoretisch für mehr Leid zugänglich macht, führt sie praktisch zu einer tiefen inneren Zufriedenheit, weil der Neid und die Gier, also eine Hauptquelle des Unglücks, wegfallen.76

Der dritte Abschnitt “Was einer Vorstellt” befasst sich mit der Ehre und dem Ruhm, welche ausschließlich auf den Meinungen und Vorstellungen anderer Menschen beruhen. Es offenbart sich eine gefährliche Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von den Meinungen anderer, sodass sich der eigene Wert ausschließlich aus fremden Vorstellungen bildet. Schopenhauer beobachtet, dass der Mensch sich freut “so oft er Zeichen der günstigen Meinung Anderer merkt und seiner Eitelkeit irgendwie geschmeichelt wird”77, während jede Verletzung des Ehrgeizes ihn kränkt und oft tief schmerzt. Das Streben nach Ruhm und gesellschaftlicher Anerkennung entspringt dem Versuch des Individuums, die eigene Isolation durch die Bestätigung anderer zu überwinden.78 Das Mitleid hingegen durchbricht dieses Streben, da sich die Trennung zwischen dem Ich und dem Anderen als bloße Erscheinung herausstellt und einen von der Empfindlichkeit gegenüber den fremden Meinungen befreit. Wer mit leidet, erkennt, dass die Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Anerkennung einen unterdrückt und, dass die Anderen selbst in derselben Unterdrückung gefangen sind. Der Ruhmsüchtige, der seine Bestätigung in den Meinungen Anderer sucht, leidet an derselben Angst wie jener, der ihn bewundert oder verachtet. Der Mitleidende erkennt, dass die verschiedenen Formen der Ehre nur verschiedene Formen des Leidens sind. Insbesondere dadurch, dass die eigene Wertschätzung von Meinungen anderer abhängig gemacht wird. So führt das Mitleid zur wahren Gelassenheit gegenüber Ehre und Ruhm, da es aufzeigt, dass die Menschen im Leiden miteinander verbunden sind und man sich selbst im Anderen als eigenes Wesen wiedererkennt.79

7. Schluss und Ausblick

Da die Mitleidsethik Schopenhauers mehr als nur das Gefühl des Mitleids beschreibt, sondern auch zu einer Erkenntnis führt, welche das Handeln des Menschen beeinflusst, gibt es einen wichtigen Zusammenhang zwischen moralischem Handeln und den Aphorismen, die jemanden zu einem leidfreien Leben behelfen sollen. Denn ein Leben mit weniger Leid bezieht sich selbst in den Aphorismen nicht nur auf das eigene Leid, sondern zeigt auch, wie man durch das eigene Verhalten das Leid der anderen mindern kann. Die Mitleidsethik wie auch die Aphorismen zur Lebensweisheit verfolgen demnach ein ähnliches Ziel, dass sich die moralische Triebfeder nicht nur als Fundament ethischen Handelns eignet, sondern zugleich Basis ist für ein weniger leidvolles Leben. Die Untersuchung hat gezeigt, dass Schopenhauers vermeintlicher Pessimismus keineswegs in eine nihilistische Weltanschauung mündet, sondern vielmehr die Grundlage für eine praktikable Lebensführung bildet. Das Mitleid erweist sich dabei als Hilfsmittel, das sowohl moralisches Handeln ermöglicht als auch zu einem weniger leidvollen Leben führt. Wer die Trennung zwischen dem Ich und dem Du erkennt, befreit sich von den Hauptquellen des menschlichen Leidens. Bemerkenswert ist, dass Moral und Glück oftmals als unvereinbar betrachtet werden, da der persönliche Vorteil für viele in klarem Bezug zum eigenen Glück steht. Im Kontrast dazu zeigt Schopenhauer, dass moralisches Handeln, das aus dem Mitleid entspringt, zu einem zufriedeneren Leben führt. Es befreit von Neid, Gier und der Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, indem es jemanden die Verbundenheit aller Wesen erkennen lässt. Die Analyse zeigt, dass ein Leben in Übereinstimmung mit der Moral nicht nur möglich, sondern für das menschliche Wohlbefinden essentiell ist. Die Verbindung der zwei Werke: “Über die Grundlage der Moral” und “Aphorismen zur Lebensweisheit” soll dies verdeutlichen und aufzeigen, wie Ethik und Moralistik miteinander verbunden sind. Außerdem würde eine Ethik, welche das eigene Wohlbefinden außen vorlässt, sich ebenfalls als impraktikabel erweisen. Kritisch ist jedoch zu betrachten, ob Schopenhauers Mitleid wirklich einen solchen Einfluss auf das praktische Handeln hervorbringen kann. Denn wenn die moralische Triebfeder im Menschen wirklich so schwach ist, wie es Schopenhauer behauptet, wie könnte sie dann solch einen großen Effekt auf unser Handeln haben? Die Stärke Schopenhauers liegt darin, eine Ethik entwickelt zu haben, die nicht auf abstrakten Prinzipien beruht und nicht abhängig ist von einer Bestrafung oder Belohnung, sondern so gut wie möglich auf der empirischen Struktur menschlicher Erfahrung beruht.

8. Literaturverzeichnis

Schopenhauer, Arthur (2007): Über die Grundlage der Moral, Hamburg: Felix Meiner Verlag.

Schopenhauer, Arthur (2016): Aphorismen zur Lebensweisheit: (Mit Begleittexten vom Philosophie Magazin), S. Fischer Verlag.

Schubbe, Daniel/Koßler, Matthias (2018): Schopenhauer-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, 2. Aufl., Stuttgart: J.B. Metzler.

Zimmer, Robert (2009): Philosophie der Lebenskunst aus dem Geist der Moralistik: Zu Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit, In: Schopenhauer-Jahrbuch 90, Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 49-64.

Hübscher, Arthur (1973): Denker gegen den Strom : Schopenhauer: Gestern – Heute – Morgen, Bonn: Bouvier.

Schirmacher, Wolfgang (1995): Ethik und Vernunft, Schopenhauer in unserer Zeit, 1. Aufl., Wien: Passagen.

Fußnoten

  1. Schubbe, Daniel/Koßler, Matthias: Schopenhauer-Handbuch, Stuttgart 208, S.80.
  2. Schirmacher, Wolfgang: Ethik und Vernunft: Schopenhauer in unserer Zeit, Wien 1995, S.114.
  3. Schubbe/Koßler (2018), S.80
  4. Ebd. S.80
  5. Ebd. S.80
  6. Ebd. S.81
  7. Schopenhauer, Arthur: Über die Grundlage der Moral, Hamburg 2007, S.83
  8. Schubbe/Koßler (2018), S.115
  9. Schopenhauer (2007), S.84
  10. Schubbe/Koßler (2018), S.115
  11. Schirmacher (1995), S.105
  12. Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom, Bonn 1973, S.143
  13. Schopenhauer (2007), S. 83
  14. Ebd., S. 85
  15. Ebd., S.85
  16. Schopenhauer (2007), S.88
  17. Hübscher (1973), S.143
  18. Schopenhauer (2007), S.90
  19. Ebd., S.89
  20. Ebd., S.89
  21. Ebd., S.91
  22. Ebd., S.91
  23. Schopenhauer (2007), S.95
  24. Ebd., S.95
  25. Ebd., S.95
  26. Ebd., S.96
  27. Ebd., S.97
  28. Schubbe/Koßler (2018), S.118
  29. Schopenhauer (2007), S.97
  30. Schopenhauer (2007), S.98
  31. Ebd., S.98
  32. Ebd., S.100
  33. S.116 SH
  34. S.116 SH
  35. Schopenhauer (2007), S.101
  36. Ebd., S.101
  37. Schopenhauer (2007), S.101
  38. Ebd., S.101
  39. Ebd., S. 102
  40. Ebd., S.105
  41. Ebd., S.106
  42. Ebd., S.106
  43. Schopenhauer (2007), S.106
  44. Ebd., S.128
  45. Ebd., S.107
  46. Schubbe/Koßler (2018), S. 88
  47. Schopenhauer (2007), S.111
  48. Ebd., S.112
  49. Ebd., S.115
  50. Schopenhauer (2007), S.111
  51. Ebd., S.126
  52. Schubbe/Koßler (2018), S.88
  53. Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom, Bonn 1973, S.152
  54. Schubbe/Koßler (2018), S.138
  55. Hübscher (1973), S.152
  56. Ebd., S.152
  57. Ebd., S.152
  58. Ebd., S.153
  59. Hübscher (1973), S.153
  60. Schubbe/Koßler (2018), S.139
  61. Ebd., S.138
  62. Ebd., S.139
  63. Ebd., S.139
  64. Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit, Hamburg 2016, S.19
  65. Ebd., S.20
  66. Schopenhauer (2016), S.21
  67. Ebd., S.16
  68. Ebd., S.39
  69. Schopenhauer (2007), S.164
  70. Ebd., S.171
  71. Ebd., S.171
  72. Ebd., S.169
  73. Schopenhauer (2016), S.172
  74. Schopenhauer (2016), S.42
  75. Schopenhauer (2007), S.164
  76. Ebd., S.171
  77. Schopenhauer (2016), S.49
  78. Ebd., S.53
  79. Schopenhauer (2007), S.169
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