Eben gerade habe ich mein 13. Tagebuch abgeschlossen. Ein Projekt, welches mich seit drei Jahren begleitet, wobei ich jedoch die ersten zwölf Bände innerhalb von zwei Jahren und drei Monaten schrieb und sich nun das 13. über neun Monate hingezogen hat. Auf den letzten Seiten, die ich wieder mal eher gezwungenermaßen als aus wirklicher Schreiblust fertig stellte, drängt sich mir natürlich die Frage, wo ich meine damalige Inspiration verloren habe.
Wer mich heute kennenlernt, kann sich nur schwer vorstellen, was für ein Mensch ich vor drei Jahren – kurz bevor ich nach Köln gezogen bin und all die Menschen kennengelernt habe, die mir heute neben meiner Familie etwas bedeuten – war.
Man kann mich damals vielerlei kritisieren, ich möchte aber eigentlich nur auf einen einzigen Punkt hinaus:
Damals war ich in gewisser Weise freier, als ich es heute bin. Ich war allein. Ich hatte keine Freunde, weil es in einem 20.000 Einwohner Ort, der hauptsächlich aus Möchtegern-Kleinkriminellen besteht, kaum einen Menschen gab, den ich wirklich interessant fand.
Deshalb lebte ich auch primär für mich selbst, und während ich heute sicherlich in einigen Aspekten performativ handle, hätte ich damals – und auch heute nicht – aus performativen Gründen geschrieben.
Nein, ich fing an, Tagebücher zu schreiben, weil es mein einziges Ventil war, um mit dem endlos sprudelnden Strom an Gedanken und Einflüssen irgendwie umzugehen. Als die anfängliche Dämpfung von Gras irgendwann nachließ, war mein Tagebuch mein einziges Auffangbecken für alles, was mich beschäftigte.
Kurz nachdem ich mit dem Schreiben anfing, zog ich dann auch nach Köln, doch obwohl ich hier das erste Mal in meinem Leben wirklich Anklang für die Person fand, die ich im Herzen war, behielt ich das Schreiben bei, um den Druck der ständigen Eindrücke zu entlasten. Ganz im Gegenteil verstärkten die Stadt, das neue Leben, das Wegziehen mein Gedankenrasen und meine Überforderung mit dem Leben nur noch, und ich füllte Seite für Seite, Buch für Buch.
Während ich die gegenwärtigen Erfahrungen runterschrieb und mich langsam an meine eigene Identität rantastete, noch lange bevor mir bewusst war, dass viele meiner Eindrücke durch das Heranwachsen meiner Bipolarität überhaupt nicht normal waren, “arbeitete” ich die Absurdität meiner Vergangenheit auf indem ich der damaligen Zoo WG zugekifft Geschichten ohne Ende erzählte. Und so nahm dieser Prozess seinen Lauf, mit dem Effekt, dass ich ein Tagebuch nach dem anderen füllte, die Menschen in meinem Leben unentwegt vollredete und mal gut, öfter schlecht mit meinem mangelnden Selbstbewusstsein und meiner wackligen Identität umging.
Einiges davon nennt man wohl Selbstfindungsphase, anderes schreibe ich der Bipolarität zu, wahrscheinlich ist das meiste ein Mischung aus beidem gewesen.
Dieser Text soll aber keine Therapiesitzung werden, in der ich meine Vergangenheit aufarbeite, sondern ich möchte wieder zur ursprünglichen Frage zurückkommen:
Warum waren die letzten neun Monate so uninspiriert?
Bemerkenswert ist wohl, dass ich ziemlich genau mit dem ersten Eintrag des 13. Tagebuchs meine Diagnose und damit auch meine Medikamente bekam. Dieser Tag ist für mich ein feierlicher Tag, da mein Leben seit Lithium in vielen Facetten schöner geworden ist, aber dieser Tag markiert eben auch den Punkt, an dem mein Drang zu schreiben stetig nachgelassen hat.
Davor füllte ich meine Tagebücher mit alltäglichen Eindrücken, Freundschaften, Sorgen und Ängsten über Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, Krisen über um das Studium. Aber nun, seit ich Lithium bekomme, schreibe ich kaum noch. Ich bin zufrieden, oft würde ich sogar sagen, ich bin wirklich glücklich, aber in mir treibt ein Gedanke, eine Sorge, bei der ich nicht weiß wie ich damit umgehen soll.
Ich werde fortführend zwischen “Nüchternheit” – der Zeit seit meine Bipolarität “geheilt” ist – und “früher”, der Zeit vor meiner Diagnose und Behandlung, unterscheiden.
Meine Sorge besteht im Kern darin, dass ich Angst davor habe, alles im Leben schon erlebt zu haben. Ich habe nicht jeden Ort der Welt gesehen, nicht jedes Hobby ausprobiert, nicht jeden Menschen kennengelernt… ich könnte jetzt alle möglichen Dinge aufzählen, die ich noch nicht gemacht habe, aber obwohl ich dieses Jahr vieles gemacht habe, fand ich nichts aufregend.
Meine Angst ist, dass ich durch meine Bipolarität Erfahrungen gespürt habe, die meine ganze Existenz erschüttern konnten, die sich anfühlten, als würde mir die ganze Welt gehören, als wäre mein Lebensweg vom Universum für die höchsten Höhen bestimmt, aber die mir auch innerhalb von ein paar Tagen den ganzen Lebenssinn rauben konnten, die mich in die Abgründe der Sinnlosigkeit trieben und in den einzigen Wunsch nach Selbstmord hüllten.
Nichts daran war gut, aber gegen diese Erfahrungen wirkt das “nüchterne” Leben wie ein geschützter Garten. Kein Eindruck, egal wie drastisch, kann auch nur entfernt an die damaligen Gefühle herankommen – und genau das macht mir Angst, dass ich keine Erfahrung mehr machen kann, die sich wirklich aufregend, wirklich angsteinflößend, wirklich herzzerreißend anfühlt.
Vielleicht vermisse ich dabei nicht einmal die Extreme selbst, sonden das Gefühl, dass ich deswegen etwas besonderes bin. Es erfüllte irgendwie die Hoffnung, dass ausgerechnet mein Leben irgendwie außergewühnlich sein müsse, egal ob das tragisch, heroisch oder was weiß ich wäre. Diese Hoffnung (sicherlich geprägt durch ein kapitalistisches System) lässt sich im nüchternen Alltag nur schwer aufrechterhalten.
Mein größtes Problem im Leben ist also, dass ich keine ernsthaften Probleme mehr habe. Ich ersticke an meinen Privilegien, ersticke an der Ruhe, die mein Leben mir gibt und ertränke mich deshalb in Ablenkung.
Mit dieser Ruhe, dieser Schwankungslosigkeit, weiß ich nicht gut umzugehen. Daraus entspringt erneut eine Sinnlosigkeit, von der ich dachte, sie durch Camus, die Existenzialisten und co. verstanden zu haben, überwunden zu haben. Aber heute merke ich wieder: Ich hatte die Absurdität nie wirklich internalisiert, weil meine Erfahrungen mir immer wieder das Gegenteil zu beweisen schienen. Tief im Kern hielt ich die Sinnlosigkeit meines Lebens nie für wahr, so überzeugt war ich, dass ich wirklich eine schicksalhafte Bestimmung habe. Denn so sehr ich intellektuell akzeptieren kann, dass das Universum im spirituellen Sinne mir keinen vorgefertigten Sinn schuldet, so stark sehne ich mich im Herzen trotzdem nach irgendeinem Sinn, der sich mir eines Tages offenbart, und meine früheren Erfahrungen haben wir diesen Sinn oft widergespiegelt.
Darin liegt wohl auch der Kern meiner Langeweile. Ich habe kein großes Problem mehr, an dem ich mich abarbeiten kann, kein Gedankenchaos, das unbedingt irgendwohin muss, keine Person, für die ich bestimmt bin (shoutout Kelsea) und genau deshalb weiß ich häufig nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll.
Heute bin ich von Langeweile gelähmt, meine Erlebnisse erscheinen mir fad, meine Tage mir austauschbar. Deshalb gibt es auch nichts mehr groß zu erzählen, und deshalb gibt es auch nichts mehr zu schreiben. Irgendwo zwischen dieser Langeweile und der Dankbarkeit für die Ruhe und für mein Umfeld sitzt die absurde Sorge, mein Leben sei vielleicht bereits vorbei.
Nicht, weil ich tatsächlich schon alles erlebt hätte, sondern weil ich Erfahrungen gemacht habe, die sich so extrem angefühlt haben, dass alles, was danach kommt, im Vergleich beinahe zwangsläufig gewöhnlich wirken muss. Vielleicht verwechsle ich also gerade einfach die Abwesenheit von Krise mit der Abwesenheit von Intensität und die Abwesenheit von Intensität mit Langeweile.
Denn eigentlich ist mein Problem ja nicht, dass mein Leben langweilig ist. Es ist eher, dass ich noch nicht gelernt habe, mit einem Leben umzugehen, in dem Langeweile überhaupt möglich ist. Früher schrieb ich aus Leid, ich schrieb, weil ich nicht anders konnte. Vielleicht muss ich erst lernen, dass ein Erlebnis nicht bedeutungslos ist, nur weil es mich nicht überwältigt, und dass ein Leben nicht weniger gelebt ist, nur weil es mich nicht ständig an seine Grenzen bringt.
Vielleicht ist das eigentliche Problem meines 13. Tagebuchs nicht, dass ich nichts erlebt habe, sondern dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit nichts erlebt habe, vor dem ich weglaufen musste.
unnormal gut!! einige wirklich sehr gute Passagen dabei