Wie lange noch? platzte es aus mir raus. Ich hatte nicht mehr die Geduld, um in diesem Bett zu liegen. Die Krankenschwester schaute mich auf meine Frage ganz kalt an. „Gedulden sie sich noch ein wenig Herr Kirhoff“ sagte sie mit einem offensichtlich aufgesetzten Lächeln. Ich konnte sie nicht ausstehen, diese Marie oder wie sie auch heißen mochte. Nie wollte sie mir die 10mg Morphin geben für die ich sie so unbeholfen anflehte. Sei wohl tödlich, diese Dosis, dabei wusste sie genau, dass es meine Absicht war. Genug, um einen alten Sack wie mich umzulegen, aber nicht verrecken zu lassen. Friedlich einschlafen, wie ein Straßenköder der vor seinem geplanten Tot ein Stück Schokolade bekommt. Nur hatte ich weder das Glück mich selbst einzuschläfern, noch ein Stück Schokolade zu kriegen. Das Zimmer in dem ich verweilen durfte war pissig gelb. Um den Raum streckte sich eine kleine Fläche mit blau-weißen Kacheln an den Wänden entlang. Das LED Licht flackerte alle 27 Sekunden und imitierte beinahe einen Puls, als würde es sich über mich lustig machen. Alles in diesem elendigen Krankenhaus lachte über mich. Die Wände die ihre augenätzenden Farben reflektieren ließen, Patientenmonitore die wie Kirchenglocken einen Tod nach dem anderen ankündigten und die blöden Krankenschwestern die schurkisch mir alles gute bis zum nächsten Tag wünschten. Nach dem ohrenbetäubenden Piepsen der Monitore zu beurteilen, hatten viele das vergnügen diesen grässlichen Ort zu verlassen, nur ich nicht. Ich musste warten, auf was, wusste ich selbst nicht.
Das warten wurde mir vom Leben in meinen agilen Zeiten erspart, alles schien immer nach meinen wünschen zu der richtigen Zeit zu verlaufen. Ich musste nie Geduld zeigen oder war gestresst weil zu viel gleichzeitig auf mich zukam. Die Menschen, die sich darüber beschwerten wimmelte ich als Neider wieder ab und bemitleidete sie, für ihre scheinbare Inkompetenz. „Eines Tages wirst du dich in einer Situation befinden in der du Geduld brauchst. Dann wirst du bemerken, dass du noch ganz am Anfang stehst“ hatte mir meine damalige Frau an den Kopf geworfen, bevor sie mir, mit bepackten Koffern, vor der Nase die Tür zuschlug. Noch am selben Tag lernte ich meine zweite Ehefrau kennen. Sie war besser, dennoch nicht gut genug. Eines Tages, als ich vertieft in meiner Zeitung mit einem kochend heißen Kaffee am Tisch saß, jaulte sie mir die Ohren über ihren krebskranken Bruder voll, der scheinbar kein Geld mehr für weitere Behandlungen hatte, woraufhin ich mit einem gelassenen „wird schon“ antwortete. Noch bevor ich was sagen konnte Schlug eine weitere Tür zu, dieses mal hörte ich es aus der Küche. Am Tag darauf lernte ich meine letzte Frau kennen.
Nun war ich hier und wartete auf etwas, was mich nicht besuchen zu wollen schien. Als die Türklinke runtergedrückt wurde, war ich bereit Marie auf ein neues anzuflehen um mich aus diesem Käfig zu befreien, doch plötzlich schauten mich zwei fremde Augen an. Wunderschöne Augen. Diese atemberaubende Gestalt im Schwestern-Kostüm lief mit einem stechend ehrlichen Lächeln auf mich zu.
„Hoalo, iach bien die Imme, iahre neue Kroankenschwoester.“ Ich war angewidert. Wie konnte aus solch einer Schönheit, solch ein Sprachschiss rauskommen?
„Ihr Mittagessen hätten sie vielleicht im Pausenraum aufessen sollen“ erwiderte ich, immer noch angewidert. Doch sie antwortete nur mit einem noch breiteren Lächeln das meine Haare abstehen ließ.
Die Tür ging erneut auf und dieses mal kam wieder die alte Marie rein. „Wie schön, sie haben sich schon kennengelernt“ , was sie zu Mittag hatte, auch, dachte ich schnippisch doch es kam nur ein Grunzen aus meiner trockenen Kehle. „Lustig wie immer, Herr Kirhoff“ ich versuchte den Hassklumpen runterzuschlucken doch alles war zu trocken. „Das ist Schwester Imme, sie wird sich ab heute um Sie kümmern.“ während sie sich zur Tür wendete, „Ach noch eine Sache bevor ich gehe“ sagte sie und die Satzpause fühlte sich nach Rache an, „Schwester Imme ist taub“ mit einem Lächeln schloss sie langsam die Tür und dieses mal wirkte es ehrlich, doch bevor ich es genauer ansehen konnte war sie schon weg. Imme stand immer noch grinsend vor meinem Bett. Sie öffnete ihren Mund doch ich unterbrach sie.
„Machen sie sich nicht die Mühe, ich brauche nichts“
„broachen sie oetwas?“
„Nein“
„Woie bitte?“
„NEIN“
„Moarphin?“
„JA“
„Naein?“
Wie ein wilder schüttelte ich meinen Kopf um ein Ja auszudrücken doch Schwester Imme war schon dabei den Raum zu verlassen. Ich ließ meinen Kopf enttäuscht fallen. Wie lange soll das noch so weitergehen?
Um 12 Uhr öffnete ich zum ersten Mal meine Augen, mit der Absicht wachzuwerden. Den Schlaf betrat ich jedes Mal mit der Hoffnung, dass ich den nächsten Tag nicht erleben muss, doch auch heute war ich gescheitert. Die Lampe pulsierte wieder und wie ich mich aufrichten wollte um nach der Bettpfanne zu greifen, sah ich Schwester Imme am Bettrand sitzen. Sie lächelte, mal wieder. Dass sie einem alten Mann bei der Darmentleerung zuschauen würde, schien ihr nichts auszumachen, mir hingegen schon. Ich war schon immer ein Schamscheisser.
„Ich müsste mal“
„Wie biatte?“
„ICH MÜSSTE MAL, WENN SIE ERLAUBEN WÜRDEN“
„ja geanau“ kreischte sie mit einem Lachen, dass den ganzen Raum einnahm. Offensichtlich hatte sie nichts verstanden.
„ICH MUSS SCHEIßEN! VERSTEHEN SIE? STÜCK LAND SCHAFFEN! ABWURSTEN!“
Doch sie lächelte mich weiterhin an. Also stand ich vor der Entscheidung, entweder, würde ich vor der engelsgleichen Tauben meine Hose vollmachen, woraufhin sie mir lächelnd den Hintern wischen würde, oder, ich benutze die erbärmlichste Toilette vor den Augen dieser Schwester.
Also hob ich den Kittel über meine Hüften und setzte den gespaltenen Mond auf das kalte Edelstahl. „Man hat Sie bestimmt nicht wegen Ihrer Ohren eingestellt, was?“ ein weiteres Lächeln.
Nachdem ich den braunen Salon vor unerwartetem Publikum entrümpelte, fütterte mich Schwester Imme mit Wackelpudding. Waldmeister war meine Lieblingssorte, die alte Schwester Marie brachte ihn mir jedes Mal, Imme hingegen nicht. Nach etlichen Versuchen ihr mit Gesten den Geschmack zu erklären, brachte sie mir verständnisvoll nickend den Wackelpudding mit Beerengeschmack. Es war ein Punkt erreicht an dem ich nicht mehr wusste, was mir mehr Frust bereitete, das warten oder Schwester Imme. Sie wollte mit mir einen Spaziergang durch den Vorgarten des Krankenhauses machen, dass aber meine Beine so schwach wie meine Erektionsfunktion waren, schien sie nicht wahrnehmen zu wollen.
„Hören sie, oder auch nicht. Ich kann nicht laufen“
„Doann eben oim Rollstual“
„Ich will nicht in diesen scheußlichen Garten, ich warte hier auf ihn, das hab ich ihnen schon hundert mal gesagt!“
„wie schuön, ich frueue miach auch!“
Die Kraft um weiter zu diskutieren fand ich nicht mehr, nun war auch mein Geist genau so gebrochen wie mein Schaft. Sie packte mich auf einen Rollstuhl der vermutlich älter als ich war und eine lockere Schraube am Rad hatte, sodass er bei jeder Umdrehung holperte und warf mir eine Decke um. Eingewickelt wie ein neugeborenes sah ich die Bäume, die nach der vierten Runde allmählich unecht wirkten, an. Was ist, wenn er kommt und ich bin hier, mit Schwester Täublein, statt ganz allein, wie es mir zustand. Ich hatte es satt, dass mir niemand zuhörte und satt, dass es niemanden weniger scheren könnte wie ich meine letzten Tage verbringen will. Satt, dass ich nicht wusste ob es meine letzten Tage waren.
„Ich will zurück Schwester, bitte bringen Sie mich wieder ins Zimmer“ Stille, „bitte, ich kann es nicht, nicht hier draußen“ noch mehr Stille. „Ich will doch nur das Morphium und endlich befreit sein von dieser Misere die man Leben nennt. Jemandem wie mir ist es vorgesehen alleine in einem traurigen Zimmer, glücklich einzuschlafen. Ich habe nichts was mich glücklich macht, bis auf meinen Intellekt und das süße Gefühl von Betäubungsmittel in meinen Venen, verstehen Sie? Verstehen Sie was es heißt sein Leben lang an Menschen vorbeizureden und niemanden zu haben der auch nur einen Hauch von der eignen Intelligenz hat? Keiner konnte mir beweisen, dass er meine Wörter, meine Sprache verstehen will, also verabscheute ich sie, alle miteinander! Taugenichts über Taugegarnichts. Meine Brillianz ist zum verkommen verdammt und keine Seele sorgt sich drum. Deshalb will ich meine letzten Tage wie mein ganzes Leben verbringen, mit mir selbst. Verstehen sie das Schwester?
„Soagten Sie woas Herr Kiarhoaff?“ Jetzt antwortete ich mit Stille.
Nach der 11ten Runde führte Schwester Imme mich ins Zimmer zurück um mir die Medikamente zu verabreichen, die dieses Trauerspiel anhalten ließen. Nun starrte ich wieder die pulsierende Lampe an, drei Schläge wie ich jetzt bemerken konnte. Das Schwester Marie den Raum betrat und neben meinem Bett stand, fiel mir erst mit dem Stich in meinem Arm auf.
„Sagen Sie Schwester, warum wurde eine Krankenschwester eingestellt, die ihre Patienten nie verstehen kann?“ fragt ich sie während ich zu Imme sah. Ihr lächeln war leichter und dennoch löste es ein warmes Gefühl in mir aus. Meine Augen wanderten über den Raum, hin zum Tisch an dem die leeren Spritzen lagen.
„Von wem sprechen Sie, Herr Kirhoff?“
„Na von wem wohl? Grinsbäckchen Imme natürlich“
„Achso“ sagte sie grinsend „Schwester Imme ist vielleicht taub aber sie kann hervorragend Lippenlesen. Sie versteht sie vermutlich besser als ich!“
Ich konnte es nicht fassen, auf dem Tisch sah ich eine Spritze, 10mg Morphin, entleert. Ganz plötzlich, nach so langer Zeit, kam ein unaufhaltbares Lachen aus meiner Lunge geplatzt. Imme begleitete meine Laute mit ihren noch stärkeren Tönen bis der Raum gefüllt war. Wir lachten uns schlapp während Schwester Marie uns verwundert beobachtete. „Ich wusste doch, dass sie sich gut verstehen würden, bis dann Herr Kirhoff“
Das lachen nahm mir so viel Kraft, dass ich ihre Aussage mit einem „Jaja“ abwimmeln musste. Schwester Imme folgte ihr lachend nach draußen, doch blieb an der Tür kurz stehen und warf mir ihr größtes Grinsen zu.
Ich lachte bis mein Körper keine Kraft mehr hatte. Ob es das Morphin war oder Imme, wusste ich nicht. Vielleicht war es auch beides. Endlich konnte ich einschlafen.