In den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 entwickelt Karl Marx seinen Begriff der entfremdeten Arbeit. Bisher wurde die Entfremdung lediglich unter den Aspekten des Produkts und des Arbeitsprozesses betrachtet. Doch nun fügt Karl Marx den beiden vorangegangenen Formen eine dritte Bestimmung hinzu: die Entfremdung vom Gattungswesen.1 Dieser Essay möchte jedoch nicht zeigen wie sich die Entfremdung vom Gattungswesen im Detail äußert, sondern nochmal einen Schritt zurückgehen und den Begriff des Gattungswesens genauer unter die Lupe zu nehmen und nachzuvollziehen worin das Gattungsleben besteht. Als Textgrundlage wird dafür die Textpassage von S. 89, Z. 6 bis S. 90, Z. 37 zur intensiven Interpretation herangezogen.
Das Gattungswesen des Menschen besteht nach Marx nun darin, dass der Mensch sich „praktisch und theoretisch die Gattung, sowohl seine eigene als die der übrigen Dinge zu seinem Gegenstand macht“.2 Um direkt einen ersten Irrtum aus dem Weg zu räumen: unter Gattung meint Marx keineswegs eine biologische Gattung, welche uns von den Tieren oder Gegenständen unterscheidet. Der Gattungsbegriff ist hier rein philosophisch. Indem wir uns einerseits also selbst als Menschen und damit als Teil der Menschheit denken (theoretisch) und verhalten (praktisch) und andererseits die übrigen Dinge – wie z.B. Tiere oder Gegenstände – zu solchen ernennen und als eben solche behandeln, konstituieren wir uns als Gattungswesen.
Marx ergänzt, dass der Mensch sich dabei auf sich selbst als „gegenwärtigen lebendige Gattung“ als „universelle[s], darum freies Wesen“ bezieht.3 Was jedoch wie er schreibt „nur ein andrer Ausdruck für dieselbe Sache“ ist.4 Vielleicht ist es lediglich eine andere Art, dasselbe zu sagen, trotzdem wird hier noch ein weiterer Aspekt deutlich: der einzelne Mensch steht der Gattung Mensch, nicht als getrennt gegenüber, sondern versteht sich als Individuum jederzeit in seinem Selbstbezug immer auch als Teil der menschlichen Gattung, mit ihrem geteilten historischen Erfahrungshorizont und Fortschritt. Im Selbstverständnis als Individuum, schwingt also auch immer das Verständnis als Teil der Menschheit mit.
Die Formulierung, dass der Mensch sich zu sich als universelles und freies Wesen verhält, trägt eine gewisse Offenheit in Bezug auf die Frage, ob der Mensch nun ein universelles und freies Wesen ist, oder sich nur dazu selbst ernannt hat. Die Formulierung öffnet aber auch das Feld für eine dritte Deutungsmöglichkeit. Es geht Marx nicht darum zu erklären, wie der Mensch ist, worin das Mensch-Sein besteht, sondern vielmehr darum den Fokus auf die Dynamik und Prozessualität des Mensch-Werdens zu richten. Der Mensch wird also frei, indem er sich zu sich selbst als frei verhält.
Im Gegensatz zum Tier, welches nicht von seiner Lebenstätigkeit zu unterscheiden ist und somit unmittelbar eins mit ihr ist,5 kann der Mensch durch seine freies, universellen und bewusstes Wesen, sein eigenes Leben zum Gegenstand seiner Tätigkeit machen,6 „[e]ben dadurch ist er ein Gattungswesen“.7 Das Tier wiederum kann eben weil es kein Bewusstsein hat um sich selbst als Teil der Gattung Hund, Katze usw., zu sehen, nicht über die individuellen Bestimmungen hinausgehen und auf einen Erfahrungshorizont der eigenen Rasse aufbauen, sondern bleibt in seiner Partikularität gefangen.
Das universelle und freie Wesen ermöglicht dem Menschen neben dem Bezug auf das eigene Leben auch einen erweiterten Bezug auf die Natur. Zum einen entnimmt er der unorganischen – was hier so viel meint wie nicht-menschlich, also Steine, Tiere, Pflanzen – seine physischen Lebensmittel. Darin gleicht er dem Tier.8 Der Mensch bezieht sich jedoch auf die Natur nicht nur als „unmittelbares Lebensmittel“,9 sondern auch als „geistige[s] Lebensmittel“,10 sei es in Form der Kunst oder der Naturwissenschaft, sie bildet Teil des menschlichen Bewusstseins.11 Der Mensch macht die gesamte Natur zu seinem „unorganischen Körper“,12 mit welchem er Ständig arbeiten muss, um sich selbst zu erhalten.13
Das Marxsche Mensch-Natur-Verhältnis ist somit durch Abhängigkeit des Menschen von der Natur gekennzeichnet, eine Erkenntnis welche heute im Zeitalter des Anthropozäns, allen technischen Fortschritten zum Trotz, ihre Relevanz besitzt. Denn „[d]aß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt“ kommt daher, „daß die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist Theil der Natur“.14
Fußnoten
- Vgl. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Frankfurt a.M. 2009 [1844], S. 89, Z.7 f. (im Folgenden: ÖpM). Das Essay entstand 2023 im Rahmen eines Marx-Interpretationskurses und ist das Letzte von vier Essays, die an die zentralen Begriffe des ersten Hefts, Abschnitt V der ÖpM, heranführen. Inhaltlich ist es wohl das Interessanteste. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 10 f. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 13 ff. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 12. ↩
- Vgl. ebd. S. 90, Z. 24 f. ↩
- Vgl. ebd. S. 90, Z. 25 ff. ↩
- Ebd. S. 90, Z. 31. ↩
- Vgl. ebd. S. 89, Z. 16 ff. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 32. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 24. ↩
- Vgl. ebd. S. 89, Z. 20 ff. ↩
- Ebd. S. 89, Z. 31. ↩
- Vgl. ebd. S. 90, Z. 1 f. ↩
- Ebd. S. 90, Z. 2 ff. ↩