Die Analyse der bestehenden Nationalökonomie bildet das Fundament, auf welchem Karl Marx seine Kritik derselben im ersten Heft der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 gründet. Dabei versucht Karl Marx vorerst die Voraussetzungen der Nationalökonomie, mit ihren Begriffen und Gesetzen zu verstehen, um sie daraufhin von innen her – also immanent – zu kritisieren.1 Marx bleibt aber nicht bei einer rein immanenten Kritik stehen, sondern erhebt sich abschnittsweise auch immer wieder über die Begrifflichkeiten Nationalökonomie.
Bevor die Kritik nun näher beleuchtet wird, sei der Begriff der Nationalökonomie näher erläutert von welcher im Text ausgegangen wird. Dabei stellt sich die Frage ob mit der Nationalökonomie das ganze Wirtschaftssystem, oder die Theoretiker, welche das System zu beschreiben versuchen gemeint sind. Für die Abschnitte in Frage genügt die Annahme der Nationalökonomie als Wirtschaftstheorie, weiterführend könnte gefragt werden ob nicht eben jene Theoretiker Zahnrad im Getriebe des Kapitalismus sind, und das System längerfristig zu legitimieren und stützen.
Der Schwerpunkt der inneren Kritik, liegt auf dem fehlerhaften und inkohärenten System, welches von der Nationalökonomie postuliert wird. Marx Vorstellung eines Systems kommt aus einer hegelianischen Perspektive. Solch ein System sollte aus den empirisch beobachtbaren Abläufen und Erscheinungen des Gegenstandes, Regelmäßigkeiten, Kategorien und Gesetze ableiten. Diese sollten untereinander schlüssig in Beziehung stehen und von einem allgemeinen Prinzip hergeleitet sein.
Die Nationalökonomie jedoch, stellt anhand einer Reihe willkürlicher Beobachtungen unzusammenhängende, sich Teils wiedersprechende und unvollständige Gesetze auf. Anstatt
das diese nun zueinander in Beziehung gesetzt werden, erhebt die Nationalökonomie die Beobachtungen zu allgemeinen Naturgesetzen.2
Den Dreh- und Angelpunkt der Nationalökonomie bildet das Privateigentum. Dieses wird jedoch nicht hergeleitet, sondern stets als Faktum gesehen.3 Das Privateigentum nimmt dabei eine Stellung analog zum Sündenfall in der Bibel ein.4 Anstatt aufzuzeigen wie sich das Privateigentum aus dem Feudalsystem entwickelt hat, wird es zum Urzustand des Menschen erklärt.5 Marx pointiert treffend: „Er [der Nationalökonom] unterstellt in der Form der Thatsache, […] was er deducieren solll“.6
Auf der anderen Seite der Kritik, zeigt Marx zunächst wie der Mensch im Kapitalismus entmenschlicht und in zwei Schritten zuerst auf die Arbeit und schließlich auf die bloße Lohnarbeit reduziert wird.7 Damit sieht der Kapitalist den Menschen nicht als vollständiges Wesen, sondern nur als einen Teil. Alles außerhalb der Fabrikhallen, wird anderen gesellschaftlichen Instanzen wie Recht, Medizin und Politik überlassen. Der Mensch im Kapitalismus ist somit ein fragmentarischer. 8
Die Erhebung über den Referenzrahmen der Nationalökonomen findet nun darin statt, dass Marx eben jenes Menschenbild von außen zu kritisieren weiß. Im Tone rhetorischer Fragen prangert er diese Reduktion des Menschen auf die Lohnarbeit an. Zudem stellt er die Versuche, die Lage der Arbeiter durch Reformen innerhalb des Systems, zu lösen in Frage9.
Wir haben gesehen, wie die marxsche Kritik an der Nationalökonomie, einmal in immanenter Form und einmal äußerer Form vorgeht. Dabei wurde deutlich wie einerseits die Beobachtungen und Gesetzte der Nationalökonomie inkohärent sind und andererseits welches Menschenbild vertreten wird.
Fußnoten
- Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Frankfurt a.M. 2009 [1844], S. 82, Z. 18 (im Folgenden: ÖpM). Das Essay entstand 2023 im Rahmen eines Marx-Interpretationskurses und ist das zweite von vier Essays, die an die zentralen Begriffe des ersten Hefts, Abschnitt V der ÖpM, heranführen. ↩
- Vgl. ebd. S. 83 f., Z. 2. ↩
- Vgl. ebd. S. 83, Z. 1; S. 84, Z. 4. ↩
- Vgl. ebd. S. 84, Z. 7. ↩
- Vgl. ebd. S. 84, Z. 1. ↩
- Ebd. S. 84, Z. 4. ↩
- Im Umkehrschluss ließe sich so auch das Bild der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft, als dem Mann untergeordnet erklären. ↩
- Vgl. ebd. S. 33 f., Z 13. ↩
- Vgl. ebd. S. 33. f., Z. 19. ↩