Anmerkung: Die Hausarbeit ist im Bereich Filmwissenschaft geschrieben. Ich empfehle, den Film vorher zu schauen, weil ich das Ende vorwegnehme. Die Fußnoten haben leider nicht funktioniert und ich hatte keine Lust, sie nochmal einzufügen. Deshalb gibt es jetzt leider keine Quellenverweise.
Viel Spaß beim Lesen.
1. Einleitung
Als ich auf der Suche nach einem Film für eine Analyse war, dachte ich eigentlich, dass ich mit Deleuze und seiner Definition des Off arbeiten wollte. Doch als ich All of Us Strangers (GB/US, 2023) geschaut habe, stach für mich besonders die letzte Szene heraus, und zwar nicht, was dabei On-Screen zu sehen oder eben Off-Screen nicht zu sehen ist. Ich war stattdessen erinnert an „Ontologie des fotografischen Bildes“ von André Bazin und seine Überlegungen zur Beziehung zwischen menschlicher Vergänglichkeit und den bildenden Künsten. Besonders wie Bazin in seiner Genealogie der bildenden Künste den Wunsch der Menschen sieht, die Zeit durch ein Abbild zu überdauern.
Ich werde untersuchen, wodurch in All of Us Strangers ein paradoxer Eindruck der Vergänglichkeit von Zeit entsteht und wie der Film dadurch den menschlichen Wunsch den eigenen Tod zu überdauern, darstellt.
Dafür analysiere ich die letzte Szene des Films, in der die Zeit anzuhalten scheint, obwohl der Film weiterläuft. In der Umarmung der beiden Figuren in dieser Szene zeigt sich der Wunsch danach, geliebt und von jemandem aufrichtig gekannt zu werden, und in diesem Moment dauerhaft verweilen zu können. Was Bazin mit der Einbalsamierung der Zeit beschreibt, passiert hierbei filmisch, wenngleich die Realität dieses Momentes durch den vorangegangenen Film narrativ und in der Szene auch bildlich infrage gestellt wird.
Da der Film auch eine queere Perspektive auf das Leben, Tod und Trauer gibt, werde ich ebenfalls theoretische Überlegungen zur queeren Zeitlichkeit in meine Analyse einbeziehen. Bei Theorien der queeren Zeitlichkeit geht es um marginalisierte zeitliche Wahrnehmungen. Dazu zählen unter anderem Trauer und gleichgeschlechtliche Beziehungen.
Ich werde zunächst den Film vorstellen, bevor ich den theoretischen Rahmen erläutere, um dann die Szene zu analysieren. Im Schluss möchte ich meine Analyse zusammenfassen und einen Ausblick geben.
2. All of Us Strangers – Eine paradoxe Erzählung
All of Us Strangers von Andrew Haigh erzählt die Geschichte von Adam (Andrew Scott), einem einsamen Drehbuchautor, der in einem fast leerstehenden Wohnkomplex in London wohnt. Der Film handelt von seinen Beziehungen zu seinen verstorbenen Eltern und zu seinem Nachbarn Harry (Paul Mescal). Zu Beginn des Films lernt Adam seinen einzigen anderen Nachbarn Harry kennen, als dieser betrunken an Adams Tür klopft. Die beiden unterhalten sich kurz an der Tür, doch Adam lehnt es final ab, Harry in seine Wohnung zu lassen.
Kurze Zeit darauf begegnet Adam Harry jedoch wieder und die beiden beginnen eine zunächst unverbindliche Beziehung und lernen sich gegenseitig kennen. Im Verlauf des Films wird die Beziehung der beiden immer inniger, indem sie gemeinsam Zeit verbringen. Dabei erzählen sie sich unter anderem von ihrer Kindheit, und sie tauschen sich über die generationsbedingten Unterschiede ihrer queeren Erfahrungen aus.
Währenddessen trifft Adam sich immer wieder mit seinen Eltern. Es bleibt allerdings unklar, wie dies möglich ist, da Adams Eltern bei einem Autounfall gestorben sind, als er elf Jahre alt war. Die beiden Handlungsstränge kollidieren, als Adam versucht, Harry seinen Eltern vorzustellen. Harry lässt Adam bei seinen Eltern alleine zurück. Adams Eltern beschließen darauf, dass sie sich von Adam verabschieden müssen. Er will dies nicht akzeptieren und doch bleibt ihm schlussendlich keine andere Möglichkeit.
Zurück im Wohnkomplex sucht Adam Harry in seiner Wohnung. Doch anstelle Harry anzutreffen, findet er Harrys verwesende Leiche in dessen Schlafzimmer. Der Körper trägt denselben Pullover, den Harry bei der ersten Begegnung anhatte. Von seinem Körper ist die rechte Hand mit einem Ring zu sehen, die blau angelaufen ist. Außerdem findet Adam die leere Ginflasche, die Harry in der anfänglichen Szene dabei hatte. Es wird klar, dass Harry schon seit der ersten Begegnung tot ist. Nach dieser Offenbarung kommt Harry in derselben Kleidung in die Wohnung und ist irritiert, Adam dort anzutreffen. Die beiden sprechen über Harrys Suizid.
Harrys Verhalten bei der ersten Begegnung war ein stummer Hilfeschrei, den Adam jedoch nicht wahrnehmen konnte. Adam war unfähig, jemand Neues in sein Leben zu lassen. Doch nun sind beide bereit, etwas Neues anzufangen. Sie entscheiden sich, Harrys Tod hinter sich zu lassen und gemeinsam wieder in Adams Wohnung zu gehen.
Die darauf folgende Szene zeigt die beiden in Adams Schlafzimmer wie sie den Moment festhalten und in die Ewigkeit des Sternenhimmels übergehen und wird hier später noch genauer analysiert. Der Zeiteindruck, der dabei entsteht, soll mit André Bazins Theorie betrachtet werden, die im folgenden Teil vorgestellt wird.
3. André Bazin und das Bild von Vergänglichkeit
In „Ontologie des fotografischen Bildes“ setzt sich André Bazin mit dem Wesen der Fotografie auseinander, indem er die Eigenschaften der Fotografie mit den Eigenschaften der Malerei vergleicht. Dafür beginnt Bazin seine Genealogie der bildenden Künste bei der Mumifizierung. Für ihn geht es darum, wie die Künste das Leben nach dem Tod ermöglichen.
Schutz gegen den Ablauf der Zeit. Der Tod ist nichts anderes als der Sieg der Zeit. Die fleischliche Gestalt des Menschen künstlich erhalten, hieß ihn aus dem Strom der Zeit künstlich herausreißen, ihn an das Leben fesseln.
Diese Fragen nach der Rettung durch das Abbild sind deshalb für Bazin relevant, da er sich in den darauf folgenden Abschnitten damit beschäftigt, wie die Malerei eine Herstellung von Ähnlichkeit oder Realismus verfolgt. Er unterscheidet dabei zwischen einem Realismus der eine „spirituelle Wirklichkeit“ abbildet, diese Art der Kunst verortet er eher in der mittelalterlichen Kunst bis zum 15. Jahrhundert, und dem Realismus der eine „Imitation der Außenwelt“ versucht, wie er es besonders der barocken Kunst zuschreibt. Diese Suche nach illusorisch-realistischer Abbildung stellt für Bazin eine Limitation oder sogar ein Versagen der bildenden Künste dar, es fehlt das transzendente Moment. So lässt sich zumindest erklären, dass er zu der Auffassung kommt: „Die Fotografie hat das Barock beendet und die bildenden Künste von ihrem Ähnlichkeitswahn befreit.“
Für Bazin besteht die Stärke der Fotografie in ihrer Objektivität, da diese im Gegensatz zur Malerei mechanisch und somit ohne deutliche Spuren der erstellenden Person erzeugt wird. Für ihn ist die Entstehung des fotografischen Bildes der wesensbestimmende Faktor, der das Einfangen eines Moments ermöglicht. Die Fotografie „balsamiert […] die Zeit ein, sie schützt sie einfach vor ihrem eigenen Verfall.“ Mit der Idee der Einbalsamierung der Zeit nimmt er Rückbezug zum Anfang des Textes und öffnet damit wieder die Überlegungen zum Wunsch des Menschen, den Tod zu überdauern. Von diesen Überlegungen zum fotografischen Bild gelangt Bazin dann zu der Erweiterung, die der Film bringt, nämlich die Bewegung:
Unter dieser Perspektive erschien der Film wie die Vollendung der fotografischen Objektivität in der Zeit. Der Film will nicht mehr nur den in einem Augenblick festgehaltenen Gegenstand bewahren wie der Bernstein den intakten Körper von Insekten einer vergangenen Zeit; er befreite die barocke Kunst von ihrer krankhaften Katalepsie. Zum ersten Mal ist das Bild der Dinge auch das ihrer Dauer, eine sich bewegende Mumie.
Die „bewegende Mumie“ ist somit etwas, das eigentlich tot ist oder dem Ablaufen der Zeit ausgesetzt ist, aber durch ein fotografisches Bild aufbewahrt wird. Der Film setzt diese bildliche Momentaufnahme dann wieder in Bewegung. Das Gezeigte ist damit nicht das Leben, aber auch nicht der Tod. Es erlaubt ein Fortbestehen über den Tod hinaus. Diese Idee des Fortbestehens über den Tod hinaus ist für mich auch der zentrale Moment in All of Us Strangers.
Bazin sieht mit der Aufklärung das Ende der magischen Funktion der Kunst, „den Menschen durch sein Abbild zu retten“. Doch diese Art des linearen Fortschrittsdenkens blendet weiterhin real existierende Formen des magischen Denkens aus und verdeckt gesellschaftlichen Rückschritt. Außerdem wird damit meist technologischer Fortschritt privilegiert und dabei besonders europäische Perspektive auf Fortschritt als Maßstab angewendet. Diesen Gedanken zum Fortschrittsdenken möchte ich später noch einmal im Kontext der queeren Zeitlichkeit aufgreifen.
In meiner Analyse werde ich nicht davon ausgehen, dass magisches Denken der Vergangenheit angehört. Ich finde Bazins Text deshalb passend, weil er sowohl das Ablaufen der Zeit mit dem Tod gleichsetzt als auch die Ewigkeit einer Momentaufnahme als eine Festsetzung beschreibt.
4. Queere Zeitlichkeit und Wahrnehmung
Die Theorie von queerer Zeitlichkeit ist ein vielschichtiger theoretischer Rahmen, der sich aus verschiedenen Perspektiven von unterschiedlichen Theoretiker:innen zusammensetzt. Ich orientiere mich hierbei zum einen an “Theorizing Queer Temporalities: A Roundtable Discussion” von Carolyn Dinshaw, Lee Edelman, Roderick A. Ferguson, Carla Freccero, Elizabeth Freeman, Judith Halberstam, Annamarie Jagose, Christopher S. Nealon, und Tan Hoang Nguyen. Zum anderen orientiere ich mich an der Einführung von Elizabeth Freeman zu queerer Zeitlichkeit. Auf verschiedene Weisen wird hierbei überlegt, was es bedeutet, von einer normativen Zeitlichkeit abzuweichen, in Wahrnehmung oder Lebensstil, und auch wie sich dieses Abweichen in den eigenen Körper einschreibt.
Ebenso beziehe ich mich auf Natascha Frankenbergers Queere Zeitlichkeiten in dokumentarischen Filmen. Sie stellt hierbei unter anderem Fragen nach den Fortschrittsnarrativen über Rechte von queeren Menschen, zwar im Kontext von dokumentarischen Filmen, aber es ist auch für All of Us Strangers treffend.
Die konkreten Ideen der einzelnen Theoretiker:innen werde ich in der folgenden Analyse genauer vorstellen und anwenden.
5. Ein vergänglicher Moment in Bernstein gegossen
Die letzte Szene in All of Us Strangers wird mit einer Überblendung aus dieser vorhergegangenen Szene eingeleitet. In der vorausgehenden Szene stellt Adam fest, dass Harry tot ist, als er seine Leiche findet. Als Harry dabei auftaucht, ist er verwirrt und hat Angst. Adam versichert Harry, dass er bei Adam bleiben kann. Die beiden beschließen, in Adams Wohnung zurückzugehen.
Die letzte Szene spielt sich dann in Adams Schlafzimmer ab. Adam und Harry sind zu sehen, wie sie auf der Seite zueinander gedreht in Adams Bett liegen. Die erste Einstellung ist eine Nahe Aufsicht auf das Bett, sodass die beiden Figuren im Profil zu sehen sind, als würden sie sich gegenüberstehen. Die Szene ist von einem diffusem intensiv orangefarbigem Licht schwach ausgeleuchtet. Diese orange Färbung scheint weder so, als käme sie von einer Zimmerlampe, noch von einem Sonnenuntergang. Das Licht erinnert an das Innere eines Bernsteins, in dem sich Adam und Harry befinden. Die Metapher eines Insekts, das in Bernstein eingeschlossen ist, wird bei Bazin genutzt, um eine Momentaufnahme zu beschreiben. Er bezieht dies auf das fotografische Bild und die barocke Malerei und setzt diese in Kontrast zum filmischen Bild, welches über den einen Moment hinausgehen kann. Doch genau durch diese Gegensätzlichkeit entsteht ein paradoxes Zeitgefühl im Film. Denn wenn der dargestellte Moment auch langsam und fast unverändert abläuft, muss der Film dennoch für die Zuschauenden enden. Die Figuren scheinen sich diesem Ende jedoch nicht bewusst.
Durch die Lichtstimmung und das Kostüm wird Harry in der Einstellung hervorgehoben. Sein helles Oberteil und seine hellen Haare heben sich vom dunkleren Hintergrund der Bettdecke und der Kissen ab. Auch im Gegensatz zu Adams dunklem T‑Shirt und Adams dunklen Haaren sticht Harry hervor. Er hat die Augen leicht geschlossen, während Adam ihn direkt ansieht und seine Hand in Harrys Haaren vergräbt. Harry ist somit nicht nur der Fokus von Adam, sondern auch der Fokus der Zuschauenden.
In diesem Moment wird Harry durch sein Abbild vor dem Ablauf der Zeit bewahrt. Harry wird durch sein Abbild gerettet, wie ich es mit Bazin sagen möchte. Das Abbild kann in diesem Kontext auf zwei Arten verstanden werden. Zum einen das Abbild, das sich bei Adam befindet, sei es nun ein Geist oder das mentale Abbild, das Adam von Harry hat. Zum anderen das Abbild, das wir als Zuschauende von Harry betrachten. Wen wir in der Figur von Harry sehen, ob er uns an Menschen erinnert, die ebenfalls zu früh gestorben sind, oder nur als Figur an sich, ist sicherlich individuell. Durch sein Abbild auf dem Bildschirm existiert Harry über seinen Tod hinaus. Elizabeth Freeman schreibt in einer Einführung zu Queerer Zeitlichkeit: „[…] What is not yet culturally legible, is often encountered in embodied, nonrational forms: as ghosts, scars, gods.” Ich denke, dass der Film uns Harry deshalb so präsentiert, damit sein vorzeitiger Tod uns heimsucht.
Die Einstellung von Adam und Harry bekommt den Raum um einen Moment zu verweilen. Harry erzählt Adam, dass er dessen Eltern beim Besuch in Adams Elternhaus tatsächlich gesehen hat. Die nachdenkliche Atmosphäre wird für einen Augenblick unterbrochen, als Adam sagt: „My dad says you’re a handsome fellow.“ Denn darauf folgt eine reaction-shot-ähnliche Aufnahme von Harry wie er mit geschlossenen Augen über die Aussage von Adam leise lacht. Horizontal im Bild liegend wird die Hälfte von seinem Gesicht und der Großteil von seinem Körper von Adams Rücken und Hinterkopf verdeckt. Es entsteht der Eindruck als sei Harry halb im Bett eingesunken und die Gesichter der beiden gehen ineinander über.
Die nächsten Einstellungen sind in einem Schuss-Gegenschuss-Verfahren geschnitten. Harry und Adam sind dabei abwechselnd in großem over-shoulder-shot zu sehen. Durch die liegende Position horizontal zum Bildhorizont ist vom Körper der beiden so viel zu sehen wie in einer Nahen-Aufnahme. Harry fragt, ob Adam seinen Eltern sagen konnte, was er wollte. Darauf antwortet Adam, dass er mit ihnen am Ende noch zusammen sein konnte und es das ist worauf es ankommt. Adams Zerrissenheit über den Verlust zeigt sich daran, dass er lächelt, während er es sagt, aber gleichzeitig eine Träne aus seinen Augen fließt.
Durch die Montage der Szene entsteht eine Langsamkeit, die sich im Kontext der Szene fast wie eine Schläfrigkeit anfühlt. Es wird darauf verzichtet, jedes Mal die sprechende Person zu zeigen. Es wird nur dann geschnitten, wenn Emotionen besonders im Fokus stehen, um die Intimität der Szene einzufangen.
Harry referenziert eine Aussage von Adam an einer früheren Stelle im Film, als er sagt: „Don’t let this get tangled up again.“ Damit bezieht er sich darauf, wie Adam die Trauer über den Tod seiner Eltern beschrieben hat. Währenddessen wird eine Großaufnahme von Harrys Hand gezeigt, die er geballt über Adams Herz hält und parallelisiert damit Adams Geste aus einer früheren Szene. Der Ring an Harrys Hand wird dabei aber auch deutlich und erinnert damit an seinen Tod, denn seine Hand mit Ring ist das Körperteil, an welchem in der vorangegangenen Szene seine Verwesung sichtbar wird.
In diesem Moment werden wir daran erinnert, dass Harry eine „bewegende Mumie“ ist. Der Körper ist in seiner Bewegung für immer im Zustand der Aufnahme eingefangen. Harrys außerzeitliche Existenz nach seinem Tod führt uns die eigene Vergänglichkeit vor Augen. In einer Round-Table-Diskussion über queere Zeitlichkeit beschreibt Carla Frecco sich selbst als „future dead person“. Die eigene Vergänglichkeit so wahrzunehmen, rückt unser Handeln in ein neues Licht. Zugleich fühlt es sich widersprüchlich an, im selben Moment lebendig und tot zu sein. Doch auch als Menschen bestehen wir aus widersprüchlichen Facetten, wir sind in der Gegenwart zusammengesetzt aus unseren Erinnerungen an die Vergangenheit.
Der Film nimmt an dieser Stelle ebenfalls an diesem Rückblick teil. Denn Harry dreht sich um, sodass Adam über seine Schulter zu sehen ist. Adams Blickrichtung ist von rechts nach links im Bild quasi auf Harry zurückgerichtet. Als Harry darüber spricht, wie still der Wohnkomplex ist, werden wir dadurch an die erste Begegnung von Adam und Harry erinnert. Als Adam darüber nachdenkt, welches Lied er wählen soll, um die Stille zu vertreiben, nähert sich die Kamera seinem Gesicht bis zu einer Großaufnahme. Die Zuneigung, die Adam für Harry verspürt, ist in dieser Einstellung deutlich zu sehen. Er spricht leise die ersten Zeilen von „Power of Love“: „I’ll protect you from the hooded claw – keep the vampires from your door“, während das Lied von Frankie Goes to Hollywood zu spielen beginnt. Er geht damit auf Harrys Referenz zu deren Kennenlernen ein. Adam bezieht sich dabei auf Harrys indirekten Hilferuf „There’s vampires at my door“, als Adam ihn in der früheren Szene nicht hineingelassen hat.
Durch den Dialog in der Szene und auch die Musik werden mehrere vorangegangene Szenen gleichzeitig aufgegriffen. Somit werden verschiedene zeitliche Ereignisse simultan geöffnet. Es werden verschiedene Elemente aus dem Film wiederholt. Lee Eldman schreibt in Bezug auf sein Werk No Future, dass die Logik der Wiederholung mit dem Todestrieb assoziiert ist und die Logik queerer Zeitlichkeit dazu auffordert, sich der Idee von einer Zukunft zu widersetzen, und schlägt ein life-in-death vor. Adam und Harry scheinen sich im Folgenden genau diesem life-in-death hinzugeben.
Zum Ende der Szene wechselt die Kamera wieder in eine extreme Aufsicht in einer Nahaufnahme der Gesichter von Adam und Harry. Von dieser Position aus beginnt die Kamera, sich immer weiter zu entfernen, sodass die Figuren im Bild immer kleiner werden. Währenddessen wird das orangefarbene Licht immer mehr durch ein weißes Licht verdrängt, sodass nach und nach immer mehr vom Bett und Zimmer um Adam und Harry zu sehen ist. Adam scheint sich gegen das Eindringen dieser Realität zu wehren, indem er sein Gesicht in Harrys Haaren vergräbt und Harrys Körper fest in seinen Armen hält. In dieser Umarmung verweilen die beiden Figuren für den Rest der Szene. Sie sind nun unbeweglich, wie das im Bernstein verewigte Insekt.
Der Lichtkegel des weißen Lichts verengt sich, sodass Adam und Harry sich deutlich vom Hintergrund abheben. Während die Kamera sich immer weiter entfernt, wird der Hintergrund langsam zu einer schwarzen Dunkelheit, in der die Figuren immer kleiner werden. Schlussendlich verkleinert sich das Licht, bis die beiden zu einem Lichtpunkt auf schwarzem Untergrund werden. Nach einem Moment gehen neben diesem Stern auch weitere, leicht verschiedenfarbige Sterne auf. “Power of Love” läuft währenddessen weiter und verkündet im zweiten Vers:
I’ll protect you from the hooded claw
Keep the vampires from your door […]
I’ll be there with my undying,
death-defying love for you.
Adams und Harrys Stern leuchtet noch einmal hell auf und dann beginnen die Credits des Films, während der Song weiter aus dem Film hinausbegleitet.
Am Ende des Films möchte ich ein Zitat von Natascha Frankenberger aufgreifen, das sich zwar auf den Dokumentarfilm bezieht, aber dennoch treffend ist:
Im Medium Film lässt sich eine queere Filmgeschichte nur scheinbar als lineare Fortschrittsgeschichte erzählen, tatsächlich sind die Zeitlichkeiten des Mediums sehr viel komplexer und uneindeutiger als eine Linearität es suggeriert.
Denn im Kontext von Queernes wird häufig genau dieses Narrativ aufgebaut, dass es früher schlecht war und heute zwar noch nicht gut, aber besser. Doch ich denke, eine Ehe für alle kann nicht der Punkt von queeren Rechten sein. Andere Bedürfnisse und Lebensstile als Heiraten und Kinder sind genauso valide und schützenswert. Der Tod von queeren Menschen durch Suizid oder AIDS ist nichts, was wir in den 1990ern hinter uns gelassen haben. Es betrifft aber eben besonders diejenigen, die durch strukturelle Diskriminierung noch weiter aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die Geschichte über Adam und Harry kann uns daran erinnern, dass insbesondere jetzt die Verbindung zu anderen Menschen wichtiger denn je ist.
6. Schluss – Die Zeit lässt sich nicht anhalten?
Der Film All of Us Strangers erzeugt durch das Zusammenspiel von verschiedenen bildlichen und narrativen Elementen ein paradoxes Gefühl der Vergänglichkeit von Zeit.
In der letzten Szene wird ein Gegensatz erzeugt aus dem Wunsch der Figuren, in dem Moment zu verweilen, und der bildlichen Ebene, deren konstante Bewegung den Ablauf der Zeit symbolisiert. Harrys Existenz in diesem Moment außerhalb der normativen Zeitlichkeit, trägt ebenfalls zum Paradox des Moments bei. Durch die Selbstreferenzialität des Films auf auditiver und narrativer Ebene, erscheint die Zeit ebenfalls weniger linear und wird als zyklisch lesbar. Auch die Linearität der visuellen Ebene ist nicht so trivial, wie es zunächst scheint. Denn die Bewegung ist bis zum letzten Moment konstant, doch der Übergang von Adam und Harry in den Sternenhimmel bildet das Ende dieser Bewegung und scheint den Beginn einer außerzeitlichen Ewigkeit zu symbolisieren.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf André Bazins Metapher der „bewegenden Mumie“ zurückkommen. Sie macht uns darauf aufmerksam, wie der Film lebendig erscheint. Doch ist dies eben ein Schein. Der Film kann ein Abbild erhalten, aber ein Abbild ist limitiert. Eine Existenz außerhalb der Zeitlichkeit ist somit möglich, aber eingeschränkt.
Die theoretische Denkrichtung der Queeren Zeitlichkeit ist sehr vielschichtig und facettenreich. All of Us Strangers ist auch an diese Theorien anschlussfähig. Der Film thematisiert die Komplexität von Trauer und wie sich das auf die Wahrnehmung der Realität auswirken kann. Besonders passend scheint jedoch Lee Edelmans Idee von No Future, welches eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft ablehnt und sich einer konsequenten Gegenwart verschreibt. Doch die Kritik, die Freeman gegen Edelman aufbringt, ist auch für All of Us Strangers treffend. Denn die Idee, eine Zukunft zu verwerfen, sei das Privileg einer weißen, männlichen Mittelschichtsperspektive.
Welche Zeitlichkeiten würde uns also eine nicht-weiße, eine weibliche oder auch eine trans Perspektive auf Queernes geben?
Literaturverzeichnis
| Bazin, André (2004 [1958]): „Ontologie des fotografischen Bildes“, in: Was ist Film? Berlin: Alexander Verlag, S. 21–27. |
| Dinshaw, Carolyn/Edelman, Lee/Ferguson, Roderick A./Freccero, Carla/Freeman, Elizabeth/Halberstam, Jack/Jagose, Annamarie/Nealon, Christopher S./Nguyen, Tan Hoang (2007): „Theorizing Queer Temporalities: A Roundtable Discussion“, in: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 13(2–3), S. 177–195. |
| Frankenberg, Natascha (2021): Queere Zeitlichkeiten in dokumentarischen Filmen: Untersuchungen an der Schnittstelle von Filmwissenschaft und Queer Studies. Bielefeld: Transcript Verlag. |
| Freeman, Elizabeth (2007): „Introduction“, in: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 13(2–3), S. 159–176. |
| Freeman, Elizabeth (2010): Time Binds: Queer Temporalities, Queer Histories. Durham/London: Duke University Press. |
Filmverzeichnis
All of Us Strangers (GB/US, 2023), Regie: Andrew Haigh.